Die Unterwanderung - Schleichendes Gift

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Laura und Leo sind beide Mitte vierzig, als sie in einer neuen sozialen Partei eine andere Politik mitgestalten möchten. Schnell wird ihnen jedoch klar, dass das gar nicht möglich ist. Eine Vielzahl Mitglieder verlassen die Partei, diejenigen, die nicht kampflos aufgeben, werden durch technische Störungen, Manipulationen und massives Stalking zermürbt.
  Eine wesentliche Rolle spielen dabei die heutigen technischen Voraussetzungen, denn diese machen erst eine perfekte Überwachung möglich.
  Den Beiden wird immer klarer: Es geht nicht nur um Wirtschaftsinteressen sondern hauptsächlich darum, die Interessen einiger Mächtiger zu wahren. Irgendwann wird den beiden Protagonisten klar, dass es sich bei den Drahtziehern um eine Sekte handelt, die weltweit agiert und bereits sämtliche Verfassungsorgane der einzelnen Länder unterwandert hat.
  Es dauert nicht mehr lange und sie haben ihr Ziel erreicht: Die Weltherrschaft.
  Da Internet und Mobilfunk vor allem in der Arbeitswelt unverzichtbar geworden sind, wurde der einzelne Bürger, ob er wollte oder nicht, abhängig von diesen Technologien. Man schaffte damit ein Machtinstrument, in dem man Gegnern durch Manipulationen und technische Störungen die Arbeit unmöglich macht. Auf diese Weise gelingt es, fast jeden gefügig zu machen und auf „Linie“ zu bringen oder gegebenenfalls sogar auszuschalten.
  Das Buch erzählt, wie Laura und Leo mit der Situation umgehen und ob ein radikaler Lebensumbruch die ersehnte Befreiung bringt.

Mecklenburg-Vorpommern

Nachdem wir den alten Wachturm am ehemaligen Grenzübergang passierten, sah ich von meiner neuen Heimat als Erstes ein Wildschwein, das geschäftig neben der Bundesstraße im Acker wühlte. Voller Neugierde blinzelte es, seine schwarze Riesennase und die Augen waren mit Schlammkrümeln bedeckt, unserem herannahenden Wagen entgegen. Nur kurze Zeit ließ es sich stören, um anschließend sein Umgraben unvermindert fortzusetzen.
  Als er meinen fassungslosen Gesichtsausdruck sah, lachte Leo:
  »Das ist Mecklenburg. Natur live! Du wirst eine Menge Wildschweine, Rehe, Störche und Kraniche sehen. Vor allem die Vielfalt der Seevögel ist wegen der riesigen Wasserfläche phänomenal.«
  Die Fahrt ging weiter an Kiefernwäldern vorbei, die mich an Südeuropa erinnerten.
  »Von der Vegetation her sieht das teilweise aus wie in Südfrankreich und Spanien!«, sagte ich zu meinem Fahrer, der konzentriert auf die Fahrbahn blickte.
  »Na klar, hier gibt es fast nur Sandboden, da wachsen Kiefern am besten!«, antwortete er.
  An diesem frühen Tag lagen dichte Nebelschleier über den Wasserflächen und den umliegenden Waldstücken, an denen wir vorbeifuhren.
  »Hier fahren wir heran. Der Hund muss auch einmal,« sagte Leo.
  Er setzte den Blinker und betätigte den Schalter für die automatischen Fenster. Während die Scheiben leise surrend herunterfuhren, brachte er den Wagen auf dem nassen Gras neben dem See zum Stehen.
  Wir stiegen aus. Die zwischen uns liegende Promenadenmischung sprang erfreut wie ein Rehkitz aus dem Auto hinaus über die Wiese.
  »Horch einmal!«, mein Partner legte den Finger auf die Lippen.
  Jetzt hörte ich sie auch: Verschiedene Vogelstimmen erklangen auf dem Wasser, die Rufe der Wildgänse und Enten. Tief aus dem Dickicht drangen die Laute der unterschiedlichsten Vogelarten. Zahlreiche Wasservögel flohen aufgescheucht aus dem Sichtschutz des dichten, aufgrund des herannahenden Winters bereits gelben, verwelkten Schilfrohrs hervor. Durchdringend schrill verbreiteten sich ihre Stimmen über der Wasserfläche. Fünf verschreckte große Vögel flogen auf die andere Seite und landeten im seichten Wasser, neben dem äußeren Steg.
  Dort verharrten sie, um ihre langen Hälse hinunter zu strecken.
  »Kraniche«, sagte er, trat von hinten an mich heran und legte seinen Arm um mich.
  »Ich dachte, es seien Störche!«, murmelte ich.
  »Blindfisch! Wo ist denn deine Brille?«, fragte Leo, während er mich breit angrinste.
  Ohne Erwiderung sah ich in die Ferne, atmete dabei entspannt aus:
  »Es ist schön hier!«
  Leo spazierte mit dem Hund am Wasser entlang:
  »Was glaubst du, wie viele Seen es in Mecklenburg gibt?«
  Keine Antwort abwartend sprach er weiter:
  »Fast jeder mündet, verbunden durch zahlreiche Kanäle, in den anderen. Die größte Seenplatte Europas liegt vor uns. Ideal für ein Hausboot. Vor allem sind die Yachthäfen nicht so überlaufen wie in Holland.«
  Nach dieser kurzen Rast, bei der wir den Hund ausführten, der aufgeregt im Unterholz die fremden Düfte erschnupperte, ging es weiter in Richtung Müritzregion.
  Nach einer Weile sagte Leo in das Schweigen hinein:
  »Es ist seltsam, den gesamten Hausstand im Lastwagen mit sich zu führen.
  All unser Hab und Gut haben wir mitgenommen und besitzen weder Haus noch Wohnung.«
  »Der Gedanke ging mir soeben ebenfalls durch den Kopf!«, antwortete ich.
  »Es kommt mir vor, als seien wir Landfahrer. Wir lassen unser altes Leben hinter uns, um hier etwas völlig Neues zu beginnen.
  Das ist wie ein radikaler Abbruch mit dem Bewährten und Gewohnten.
  Andererseits bedeutet ein kompletter Neuanfang auch eine Reise ins Ungewisse.«
  »Ja, es erscheint alles unwirklich!«, sagte Leo, der nach der vorherigen Tortur plötzlich sehr müde aussah, mit belegter Stimme.
  Ich nickte:
  »Das empfinde ich ebenfalls!«
  Zwischen uns erklang ein nervtötendes Geräusch.
  »Die quietscht!«, seufzte der Fahrer, sah neben sich auf den Mittelsitz, auf dem es die Genannte mit hochgereckter Schnauze offenbar nicht mehr länger aushielt.
  »Was ist denn jetzt los? Wir waren mit ihr draußen, gefressen hat sie auch.«
  Mit Blick zu der türkischen Mischlingshündin, die mich bettelnd ansah, bemerkte ich:
  »Ich glaube, sie verliert die Lust, immerhin sind wir bereits sechs Stunden unterwegs.«
  Leo brummte:
  »Soll sich nicht so anstellen. Dort ist genügend Platz. Ich weiß nicht, warum die so nervt. Wenn ich das damals bei ihrer Abholung am Flughafen geahnt hätte!«
  Nach einer kurzen Pause deutete er nach vorne:
  »Schau dir das Ortsschild da hinten an, ich glaube, wir haben uns verfahren.«
  In die kurzzeitige Stille hinein fiepste es erneut.
  »Da bitte, sie macht einfach weiter. Die will uns tyrannisieren!«, sagte Leo.
  »Verdammt, sieh endlich einmal, was auf den Schildern steht. Ich kann schließlich nicht alles: fahren, dem nervtötendem Gejammer der Töle zuhören und gleichzeitig die Beschilderung lesen!«
  Ich deutete auf das Gerät vorne an der Armatur:
  »Aber du fährst doch nach dem Navigationssystem.«
  »Mein Gefühl sagt mir, dass das Ding uns in die Irre führt!«, antwortete er, eine Spur gereizter.
  Das Schild zog an mir vorbei, mir gelang es nicht, nur einen Buchstaben zu erkennen:
  »Das konnte ich jetzt nicht lesen, du fährst zu schnell und außerdem sehe ich ohne Brille kaum etwas!«, entgegnete ich.
  »Sieh, da vorne, was steht da?«, fragte er nervös und deutete auf ein Schild.
  Im Bemühen das Hinweisschild zu entschlüsseln, verrenkte ich mich weit vorgebeugt, dabei knackste es empfindlich beim Herumdrehen in der Schulter.
  Die Stimmungslage im Fahrerhaus konnte man als extrem gereizt beschreiben:
  »Was ist denn? Was stand da? Herrgott, der Hund quietscht! Das macht mich noch wahnsinnig!«
  Die weibliche Navigationssystemstimme riet bereits zum x-ten Mal:
  »In zweihundert Metern ... bitte rechts fahren.«
  Mich erstaunte, dass die Stimme »bitte« sagte und dass Männer überhaupt auf die Ansage einer Frau gehorchen. Aber dazu gehörte dieser Fahrer offenbar nicht mehr.
  »Na was stand denn da jetzt, du wolltest doch nachsehen?«, fragte er kurz vor dem Ausrasten, an mich gewandt.
  »Das weiß ich nicht! Wie bereits gesagt, ohne Brille kann ich das nicht lesen, außerdem fährst du einen ziemlich rasanten Fahrstil!«, bemerkte ich.
  Der Hund heulte, während das Navigationssystem permanent befahl:
  »In fünfhundert Metern bitte rechts abbiegen.«
  Jetzt drehte er völlig ab:
  »Diese blöde Kuh! Die will mich doch tatsächlich nach rechts lenken. Es reicht mir!«
  Er riss wütend das Gerät vom Adapter, beugte sich vor, öffnete das Handschuhfach und schmiss es im hohen Bogen hinein. Anschließend knallte er die Klappe zu. Gedämpft drang es durch das verschlossene Fach:
  »Wenn möglich …, bitte wenden. Wenn möglich…, bitte wenden.«
  Der Hund fiepste dazu.
  »Schnauze!«, rastete der Fahrer erneut aus.
  Ich zuckte zusammen und war mir nicht mehr sicher, wen er damit meinte.
  Während er das Lenkrad umklammerte, blickte er nacheinander auf das Innenfach, aus dem die Befehle drangen, anschließend auf den Vierbeiner, zu guter Letzt zu mir.
  Ich fragte mich, ob diese zuletzt gemachte Bemerkung für alle, in diesem Fahrzeug galt. Erneut erstaunte es mich, dass Leo angesichts seiner temperamentvollen Zornesausbrüche keine roten Haare hatte.
  Aufgrund seiner schwarzen Haare und braunen Augen wurde er im südlichen Ausland stets für einen Einheimischen gehalten. Zurzeit trug er einen Dreitagebart, ein T-Shirt mit Bootsmotiv und eine Jeans, die zu seinen Lieblingskleidungsstücken gehörte. Wenn ich ihn nicht daran hinderte, würde er sie so lange tragen, bis sie ihm vom Leib fiel.
  Der Hund, ebenfalls schwarz mit braunen Augen, blickte verdutzt drein, streckte die Vorderbeine, gab einen tiefen Seufzer von sich und kugelte sich in Embryonalhaltung schweigend ein.
  Nach einer Weile der Stille bemerkte Leo mit dem Blick in den Rückspiegel:
  »Seit einiger Zeit fährt ein Wagen mit demselben Kreisnummernschild hinter uns her.«
  Ich warf den Kopf herum, um mich umzublicken, sah eine schwarze Limousine der oberen Wagenklasse, die uns in weiterem Abstand folgte.
  Verunsichert blickte ich Leo an:
  »Wie lange ist der bereits dort?«
  Er sah mir ins Gesicht:
  »Das ist vermutlich nur Zufall, ohne jede Bedeutung.«
  Ich deutete auf das Fahrzeug, das sich auf der Kreuzung, zügig von rechts vor uns setzte:
  »Der Wagen, der sich jetzt vor uns setzt, kommt auch aus dem Bereich.«
  »Tatsächlich. Seltsam!«, bemerkte Leo.
  Nach einigen Minuten blickte er in den Rückspiegel und sah mich schließlich erleichtert an:
  »Der hinter uns ist vorhin links abgebogen. Also falscher Alarm.«
  »Das beruhigt mich jetzt nicht! Du immer mit deinem Optimismus, was diese Dinge angeht!«, sagte ich.
  »Man kann sich auch verrückt machen. Du siehst in allem etwas!«, entgegnete er.
  »Aber du hast es doch damals ebenfalls gesehen!«, gab ich zur Antwort.
  Irritiert blickte er mich an, bevor er erneut, konzentriert auf die Fahrbahn sah, fragte er:
  »Was?«
  »Das! Du weißt genau, wovon ich spreche!«
  Nach einer Weile des Nachdenkens brach ein »Ja!«, von ihm das Schweigen.
  Wir setzten die Fahrt schweigend fort, schließlich bog auch das vorfahrende Fahrzeug rechts ab.
  »Dies hier ist der richtige Weg!«, sagte Leo.
  Mit einem kurzen Seitenblick zu mir bemerkte er:
  »Du bist ja müde!«
  »Ja«, bestätigte ich erschöpft und mir fielen die Augen zu.

KAPITEL 1

Suche nach einer Perspektive

Langsam bog ich ab und fuhr zügig die lang gezogene Kurve an dem Tempo dreißiger Zonen Schild vorbei.
  »Gleich wirst du geblitzt! Hier gibt es Blitzkisten!«, teilte die Stimme, neben mir auf dem Beifahrersitz mit.
  Nach kurzer Sichtkontrolle entgegnete ich:
  »Da kann ich dich beruhigen, wir fahren exakt neununddreißig km/h. Man könnte fast nebenher laufen.«
  Prüfend rückte sie hinüber zu mir, kniff die Augen zusammen und blickte aufmerksam auf die Kontrollanzeige:
  »Du fährst viel mehr, mindestens über vierzig. Damit kommst du bei einer Blitzkontrolle jedenfalls nicht durch. Abzüglich der Toleranzgrenze gäbe es ein Knöllchen.«
  Ich seufzte. Es gab für einen Fahrer kaum etwas Schlimmeres als eine Fahrschulanfängerin, die als Beifahrerin, mit Argusaugen jeden Fahrpatzer der Fahrerin verfolgte. Vor allem, wenn es sich bei der Fahrzeugführerin um die Mutter handelte.
  Mit einem Kind erfüllte ich die deutsche Geburtenstatistik, die sich seit der Einführung der Pille, kontinuierlich schmälerte. Das dürfte jedoch nicht der einzige Grund sein, warum diese Zahl in den kommenden Jahren noch weiter absank: Ein dringendes Signal tönte aus der Tasche der zukünftigen empfängnisbereiten Generation. Blitzschnell holte sie ihr Handy heraus, das mit einem entsprechenden Ton auf sich aufmerksam machte.
  Ich stellte die hypothetische Frage:
  »Einmal angenommen, es gäbe ab sofort keinen Mobilfunkkontakt mehr.«
  Sie antwortete mit einer Grimasse, blickte mit den Augen zum Himmel und ärgerte sich:
  »Darüber möchte ich jetzt nicht nachdenken! Mist, zu spät abgenommen!«
  Oben auf den Dächern der Hochhäuser, die wir passierten, befand sich eine stattliche Zahl unterschiedlicher Mobilfunkmasten. Es gab Momente im Leben, da wünschte ich mir, alle für den Empfang dieser Technologie erforderlichen Satelliten schmierten ab und das Unvorstellbare sei, nach kurzzeitigem Hyperventilieren der Mobilfunksüchtigen, denkbar: eine uneingeschränkte Kommunikation zwischen der älteren und der jüngeren Generation.
  Sina blickte wie ein hypnotisiertes Kaninchen auf ihr Handy und tippte aufgeregt auf dem Display herum.
  Dabei ließen wir seinerzeit nichts unversucht, um ihre Zeit vor dem Computer und dem Gebrauch des Mobilfunks einzuschränken, in dem wir die Benutzung zeitlich limitierten.
  Es sollte sich jedoch als vergebliches Unterfangen herausstellen, der Druck von Seiten der Mitschüler und Freunde, die auf die Werbung hereinfielen, hielt dagegen. Leo, der Strengere von uns beiden, begrenzte Sinas Computerzeit auf drei Stunden am Tag. Nicht zuletzt deshalb hing häufig der Haussegen schief.
  Wenn man der Statistik glauben darf, besitzt mittlerweile jeder Bundesbürger im Schnitt drei Handys und zwei Computer.
  Hierzu zählte ich jedoch nicht.
  Langsam bog ich in die kleine Stichstraße mit den Einfamilienhäusern ab und brachte den Kleinwagen in einer Parknische zum Stehen.
  Sina stieg aus, reckte ihre Glieder wie eine Katze und warf ihre schulterlangen blonden Haare nach hinten. Anschließend stöckelte sie auf ihren hohen Pumps, mit einer Absatzhöhe von atemberaubenden zwölf Zentimetern (alles darüber hinaus fällt unter den Begriff Stelzen) vor mir auf das Haus mit der Hausnummer 81 zu.
  Ihr Großvater, der unsere Ankunft bereits bemerkt hatte, riss die Haustüre auf, um uns mit Hallo zu begrüßen.
  In den sechziger Jahren zogen meine Eltern aus dem Ruhrgebiet in das Rheinland. Der Umzug aus dem »Ruhrpott« bedeutete für uns einen wirtschaftlichen Aufstieg.
  Ab und zu erinnerten sich die beiden an ihre Kindheit, für sie blieben die Kriegszeiten, die sie aus der Sicht von damals Dreijährigen erlebten, in vager Erinnerung. Im Jahre ihrer Geburt 1938 begann der Zweite Weltkrieg durch den Überfall Deutschlands auf Polen. Das Hungergefühl brannte sich tief in ihr Gedächtnis. Mein Vater erzählte oft davon, dass er als Kind Kohlen stehlen musste, damit die Familie nicht erfror. Der Ernährer befand sich in dieser Zeit, wie so viele Männer, in Kriegsgefangenschaft. Die Nahrungsmittel schaffte man auf dem gleichen Weg heran: indem man Kartoffeln vom Feld und Eier vom Bauernhof stahl.
  Meine Mutter hütete bereits in jungen Jahren ihre Geschwister und versorgte sie.
  Damals bestand die Familie im deutschen Schnitt aus Eltern und mehreren Kindern. Eine Scheidung kam nicht in Frage, da die Kirche dies als oberste moralische Instanz verbot. Außerdem besaß ein Familienoberhaupt alle Rechte, die Ehefrau musste parieren und durfte nicht zur Wahl.
  Jahrzehnte später schienen mir, einem in den sechziger Jahren geborenen Einzelkind, diese Zeiten gänzlich unbekannt.
  In der Zeitspanne meiner Geburt und den folgenden zehn Jahren befand sich der Kalte Krieg in vollem Gang. Man verübte ein tödlich verlaufendes Attentat auf den amerikanischen Präsidenten, es gab die Kubakrise, den Vietnamkrieg und Deutschland galt als Wirtschaftswunderland.
  In diesem Zeitabschnitt befreite sich die junge Generation vom kleinbürgerlichen Mief der vorherigen Generationen.
  Diverse Frauenzeitschriften drängten auf den Markt, die den Zeitgeist widerspiegelten und die Emanzipation der Frau forderten.
  Es entstanden Kommunen, in denen Studenten unter einer Che Guevara Flagge, auf einem Matratzenlager die freie Liebe propagierten.
  Die Studenten gingen scharenweise auf die Straße, es kam bei den Demonstrationen zu Auseinandersetzungen mit der Polizei. In dieser Zeit gründete sich die RAF, die der Regierung den bewaffneten Kampf erklärte.
  Jahre später saßen die Studenten, die meist Betriebswirtschaftslehre oder Informatik studierten, in der Hoffnung auf einen gut bezahlten Job in einem internationalen Konzern, stattdessen brav in den Unis.
  Seinerzeit diskutierte man in den Medien über die antiautoritäre Erziehung, bei der die Kinder ihre Eltern und Lehrer plötzlich beim Vornamen anreden sollten. Zu den Nutznießern dieses Trends gehörte ich zum Glück nicht.
  Obwohl ich gerne auf die Erfahrungen mit den Rohrstock schlagenden Lehrkräften in der Grundschule verzichtet hätte.
  In den sechziger und Siebzigerjahren entwickelte sich alles rasant, das galt gleichermaßen für die Mode, denn Minirock und Bikini gehörten zum letzten Modeschrei.
  In weiser Voraussicht erfand man die Pille, aus dem Grund gab es den Pillenknick, daraus resultierten die sogenannten geburtenschwachen Jahrgänge.
  Bis heute weiß ich nicht, ob dies positiv oder negativ zu bewerten ist, aber seitdem gibt es eindeutig weniger Nachwuchs.
  Die Deutschen gelten deshalb als vor dem Aussterben stehende Spezies und gehören eigentlich auf die Rote Liste der bedrohten Arten.
  Meine Tochter kam 1989 auf die Welt. In ihrem Geburtsjahr prallten zwei Welten aufeinander, da die Mauer fiel und damit auch die Tabuisierung von unehelich geborenen Kindern.
  Vermutlich wäre aufgrund von Materialermüdung die Mauer wenig später von selbst gefallen.
  Millionen Ostdeutsche zogen, in der Hoffnung auf ein besseres Leben, in Scharen nach Westdeutschland, weil sie nicht mehr länger in der Schlange stehen mochten. Manche fanden das, wonach sie suchten im Westen, viele befanden sich allerdings noch immer auf der Suche und verbrachten ihren Tag mit dem Warten in der Reihe vor den Suppenküchen des Einheitslandes.
  Seit dem Mauerfall herrschte die Globalisierung und der Megakapitalismus setzte ein.
  Die meisten Staatsbetriebe der ehemaligen DDR fegte man vom Markt weg, damit wich unliebsame Konkurrenz für zahlreiche Westunternehmen.
  Seitdem gab es die Börsennachrichten vor acht Uhr, die früher in schmaler Version grundsätzlich nach den Nachrichten kamen. Hier sagte eine adrett gekleidete Moderatorin oder ein seriös erscheinender Herr einige Fakten zu den sich laufend verändernden Kursen.
  Vermutlich interessierte dies in unserem Land den größten Teil der Menschen so wenig, wie der berühmte Sack Reis, der in China zu Boden fiel. Aber immerhin zwanzig Prozent der Bevölkerung, die fast achtzig Prozent des Volkseinkommens in Händen hielten, saßen vor dem Fernseher. Mit bangen Erwartungen verfolgten sie, ob endlich die Firma XY von dem Riesenkonzern verschlungen wurde, von dem sie ein dickes Aktienpaket erworben hatten.
  Meine Eltern zogen nicht nur aus wirtschaftlichen Erwägungen in das Rheinland, sondern auch wegen der saubereren Luft. Dies sollte sich jedoch im nach hinein, angesichts eines in der Nähe befindlichen Chemiewerks, als Irrtum herausstellen.
  In einer adretten Kleinstadt an der Wupper verbrachte ich meine Kindheit und Jugend.
  Je nach Windlage stank es oftmals penetrant nach Chemie. Jedermann wusste, weshalb die draußen sauber aufgehängte weiße Wäsche plötzlich eine interessante gelb-braune Batikfarbe annahm.
  Damals regierte in China noch das rote Mao-Regime, die Chinesen radelten entlang ihrer kristallklaren Wasserstraßen gemütlich auf Fahrrädern, während wir mit dem Auto gestresst in der mit Abgasen verseuchten Schlange unterwegs waren.
  Nach vierzig Jahren kehrten sich diese Verhältnisse um: Bei uns flossen mittlerweile rekultivierte, klare Flüsse, in China dagegen nahmen die zuvor sauberen Wasserwege den gleichen Schlamm braunen Farbton und ekelerregenden Gestank an wie seinerzeit bei uns.
  Die Chinesen legten in Autoschlangen ihren Weg zur Arbeit durch die mit Abgasen verseuchten Innenstädte zurück. Dafür fuhr man in Deutschland verstärkt mit dem Fahrrad und das zum Teil aus dem Grund, weil für viele Deutsche ein Auto mittlerweile zum unerschwinglichen Luxus mutierte.
  Der damalige Stolz meiner Eltern war ein gebrauchter, knallroter Käfer mit schwarzem Dach und Wackeldackel auf der Hutablage.
  Auf der Fensterrückfront klebten sämtliche Länder- und Städteaufkleber der besuchten Urlaubsgebiete, damit auch alle sahen, wie weit die Insassen innerhalb Europas vorgedrungen waren.
  Bevor man hinten nichts mehr sehen konnte, hörte diese Mode glücklicherweise auf. Später kam stattdessen auf der Hutablage, noch eine Notfall-Klopapierrolle hinzu, die in einem, von meiner Mutter in mühsamer Handarbeit gefertigten hellblauen Häkelhut versteckt, ruhte.
  In den Siebzigerjahren tauchte bei der Fahrt auf der A 3 bereits von Weitem, wie eine Fata Morgana, das hell erleuchtete Firmenlogo eines Pharmakonzerns auf.
  Während meine Mutter vorne auf dem Beifahrersitz verkündete:
  »Da kommt schon wieder die Todesnachricht! Immer wenn wir aus dem Urlaub zurückfahren, ist irgendein Prominenter verstorben. Im vergangenen Jahr war es der Elvis.«
  Sie seufzte und an meinen Vater gewandt fragte sie:
  »Wer ist noch einmal davor gestorben?«
  So sicher, wie die Todeswahrscheinlichkeit bekannter Sänger oder Schauspieler auf unserer Rückreise auch sein mochte, so gewiss konnte man angesichts des riesigen beleuchteten Werbekreuzes nach dem Italienurlaub sein, dass man bald daheim war. Nicht zuletzt wegen des penetranten Gestanks, der aus den Schloten des Chemiewerkes drang. Das Unternehmen galt als größter Arbeitgeber der Region. Generationen von Familien arbeiteten dort, deshalb nahm man diese Umstände gerne in Kauf.
  Jahrzehnte später waren viele Erwerbstätige von Arbeitslosigkeit betroffen, denn weite Teile des Werks wurden aufgrund von Kostenersparnis in das preiswertere Ausland ausgelagert.
  Wann immer ich nach längerer Zeit dorthin zurückkehrte, erschrak ich über den Anblick der einstmals schmucken Kleinstadt, etliche Häuserzeilen mit Ladenlokalen standen bereits seit Jahren leer, da die Kaufkraft schwand. Tristesse spürte ich in dem kleinen Städtchen an der Wupper, in dem früher reges Treiben herrschte.
  Als ich meine Ausbildung begann, bauten die Eltern ein Haus in einer anderen Stadt. Damals wollten viele etwas für später schaffen, also lag ein Hausbau auf der Hand. Im Rentenalter war die Hypothek auf die Immobilie meistens abbezahlt, den Rest seines Lebens konnte man mietfrei wohnen.
  Das klang vernünftig, zumindest in dieser Zeit.
  »Man muss in einem Ort geboren und dort aufgewachsen sein, um sich heimisch zu fühlen«, schoss es mir durch den Kopf.
  Heimat nennt man den Ort, an dem man bislang sein komplettes Dasein verbrachte, vom Kindergarten über die Schulzeit bis in das Erwachsenenleben hinein. Das galt weder für meine Tochter noch für mich.
  Von Berufswegen bestand unser Leben hauptsächlich aus Umzügen und Ortswechseln, es blieb nie Zeit, längerfristig heimisch zu werden.

****

Wenig später saßen wir nach der Begrüßung inmitten unzähliger tropischer Pflanzen, beim Mittagessen im Wintergarten.
  Alles plapperte - wie üblich - durcheinander.
  »Jetzt ist das Wetter endlich besser!«, teilte meine Mutter, die soeben den Raum betrat, mit. In ihren Händen hielt sie eine weiße Suppenterrine, aus deren halbgeöffnetem Deckel die Suppe dampfte. Vorsichtig stellte sie den Topf mit dem appetitlich duftenden Inhalt auf dem Glastisch ab.
  Anschließend blickte sie, mit einem nach oben gerichteten Blick, skeptisch durch das Wintergartendach hoch zu den Wolken.
  »Ob das heute hält? Da sehe ich bereits die ersten dicken Regenwolken!
  Und ihr seid alleine hier hergekommen, der Leo hat sicherlich viel im Haus zu tun!«, äußerte sie, bevor sie die Suppe mit der Suppenkelle verteilte.
  »Solange es nicht ins Essen tropft!«, sagte mein Vater lapidar und nahm seinen Löffel in die Hand.
  »Die Lora will Lecker!«, erklang ein durchdringender, schriller und lauter Ruf.
  Woraufhin sich der Hausherr ein Möhrenstück vom Teller schnappte, so schnell wie möglich zu der Voliere eilte, bevor der gefräßige Graupapagei zu einer erneuten Schreiattacke durchstarten konnte.
  Routiniert stopfte er dem Vogel, der in der letzten Zeit aussah, wie ein gerupftes Federvieh, einen Bissen in den gierig aufgerissenen Schlund und setzte sich danach zurück an den Mittagstisch.
  »Möchtest du auch Fleisch?«, fragte meine Mutter an mich gerichtet.
  Ich schüttelte den Kopf:
  »Das ist Kniescheibe vom Rind, vielleicht ist da BSE drin«, mutmaßte ich und dachte an meine eigene kaputte Kniescheibe.
  Worauf meine Mutter ihre grünen Augen zum Himmel richtete:
  »So ein Blödsinn! Dann dürftest du auch keine Rindfleischsuppe essen!«
  Verständnislos blickte sie mich an.
  »Das ist kein Quatsch, im Knochen soll besonders viel BSE enthalten sein!«, antwortete ich.
  Darauf schüttelte mein Vater den Kopf:
  »Schwachsinn mit dem BSE! Man kann sich auch verrückt machen!«
  »Die Mama glaubt alles!«, fügte meine Tochter hinzu, der Opa grinste.
  Während sich meine Mutter setzte, meinte sie:
  »Es gibt fast nur noch Skandale! Wenn es danach geht, dürfte man überhaupt nichts mehr essen!«
  »Und die Gummibärchen, die du so magst, ebenfalls nicht!«, sagte Sina.
  »Die kommen vom Schwein und nicht vom Rind!«, bemerkte ich:
  »Außerdem ist das Thema BSE seit der Wahl Angela Merkels vom Tisch. Nur, weil über diese Sache in den Medien nicht mehr berichtet wird, bedeutet das nicht, dass diese Krankheit nicht existiert.«
  Das blieb von Sinas Seite nicht unkommentiert:
  »Du immer mit deiner Politik!«, maulte sie, während sie mit angespannter Miene ihren Suppenteller nach etwaigen Fettresten des besagten Rindviehs durchsuchte.
  »Mein Gott!«, schimpfte die Oma und sah der Enkelin eine Weile zu.
  Vorwurfsvoll fügte sie hinzu:
  »Da gibt es nichts zu suchen! Da ist kein Fett drin!«
  Die dritte Generation am Tisch fischte derweil unbeirrt weiter im Trüben der Suppeneinlage. Mit Argusaugen und bewaffnet mit dem Suppenlöffel unterzog die Siebzehnjährige dem gesamten Tellerinhalt einer Inspektion.
  »Ich ekel mich vor glibberigem Fett!«
  Sie schüttelte ihr blondes Haupt, während sie einen vermeintlichen Fettklumpen auf den Tellerrand platzierte.
  »Pass auf, gleich sind deine Haare in der Suppe. Du solltest dich beim Ordnungsamt für die Überprüfung diverser Restaurantbetriebe bewerben, das ist doch der Job für dich«, sagte ich.
  Der Großvater bemerkte:
  »Bis du mit dem Essen fertig sein wirst, ist die Suppe kalt!«
  Noch bevor er diesem Satz einen weiteren folgen lassen konnte, krähte es aus der Ecke erneut:
  »Lora will lecker! Lora will lecker! Lora will .... !«
  Ungeduldig lief der Grauvogel auf der Stange hin und her.
  Mit der Geschwindigkeit eines Graureihers an einem Fischteich fischte der Papageienbesitzer abermals blitzschnell ein dickes Stück der Gemüseeinlage von seinem Teller, um es dem Vogel in den geöffneten Schlund zu stopfen.
  Nachdem mein Vater erneut Platz genommen hatte, blickte er die Enkelin mit besorgter Miene an:
  »Wie schaut es bei dir Sina aus mit einer Lehrstelle? Wo hast du dich denn beworben?«
  Die Angesprochene zuckte fast gleichgültig mit den Schultern:
  »Mama hat mir bei den zehn Bewerbungen in diesem Monat geholfen.«
  Jetzt mischte sich die Oma ein:
  »Das sieht heute noch schlechter aus, als damals bei dir, Laura. Auch vor dreißig Jahren war es bereits schwierig, eine Lehrstelle zu finden«, sie zeigte dabei mit ihrem Suppenlöffel auf mich.
  »Wenn man den Medien und der Regierung glauben darf, ist doch alles super gut!«, warf mein Vater ein, während er verdrossen in seine Suppe blickte.
  Das Mittagessen ging seinen üblichen Gang: Meine Mutter schimpfte, wegen der Vielzahl der im Ort lebenden Ausländer, die ihr in der Regel im Supermarkt über den Weg liefen. Mit schönster Regelmäßigkeit würden diese sich an den Kassen vordrängeln, zig Kinder gebären, deshalb Unsummen Kindergeld beziehen und Sozialleistungen erhalten.
  Von Anfang an schien sie mir stimmungsmäßig ohnehin aufgeladen zu sein, da bei dem letzten Friseurbesuch der Rot-Ton ihrer Haarfarbe total misslungen war. Sie zupfte missmutig an ihrem modischen Kurzhaarschnitt herum.
  Währenddessen blickte die Jüngste bei Tisch jede Minute lauernd wie eine Katze vor dem Mauseloch, auf das Display des neben ihr liegenden Handys. Erstaunlicherweise schaffte sie es gleichzeitig, das nachfolgende Fleischgericht einer genaueren Untersuchung zu unterziehen, dabei noch am Gespräch teilzunehmen sowie ihr Handy im Auge zu behalten.
  »Und? Wie sieht es bei dir mit dem Job aus?«, fragte mein Vater an mich gewandt.
  Ich schluckte:
  »Schlecht!«, gab ich auf dieses heikle Thema angesprochen zur Antwort.
  »Nach fünfzig Bewerbungen in den letzten fünf Monaten erhielt ich bislang nur Absagen. Trotz aktueller Bewerbungsfotos und auf den neusten Stand gebrachtem Lebenslauf klappt es nicht. Das ist einfach deprimierend!«
  Er nickte:
  »Das ist in der Tat frustrierend.«
  »Ich überlege mir, mich mit einer Bürodienstleistung selbstständig zu machen!«, antwortete ich.
  Er ließ dies unkommentiert und fragte stattdessen:
  »Wie sieht es denn mit Leo aus? Gab es bislang bei ihm irgendeinen Erfolg mit seinen Bewerbungen? Ihr müsst das Haus finanzieren!«
  Bevor ich auf dieses weitere heikle Thema antworten konnte, schien für meine Mutter die Sache indes klar und ihre grünen Augen funkelten wütend:
  »Die müssen noch mehr Ausländer hereinholen. Sieh´ sie dir einmal an, hier in der Innenstadt, da laufen sie herum, die machen ein Baby nach dem anderen, um in Deutschland Kindergeld zu kassieren!«
  Mein Vater nickte beipflichtend:
  »Die Leute liegen unserem Sozialstaat auf der Tasche!«
  Jetzt geriet meine Mutter erst recht in Rage:
  »Natürlich wissen die genau, was und wie viel vom Staat zu holen ist, jedes Jahr gibt es ein neues Kind. Von dem Elterngeld können die hier gut leben.«
  Sina hob den Kopf, grinste in die Runde und starrte erneut auf ihr Handy:
  »Das ist und bleibt Omas Lieblingsthema!«
  »Das hilft mir jetzt aber auch nicht weiter!«, bemerkte ich.
  Diesen Einwurf überhörte man geflissentlich, stattdessen gerieten meine Eltern wegen des Themas in Fahrt. Die Ehepartner begannen sich über die, ihrer Meinung nach zu vielen Asylanten in diesem Land zu ereifern.
  Für meinen Vater schien die Sache klar:
  »Das sind doch Wirtschaftsflüchtlinge, die nach Deutschland kommen!«
  Ich warf ein, dass man die Spreu vom Weizen trennen sollte und es nicht stimmt, dass alle Ausländer deshalb hier Zuflucht suchten.
  Eine Vielzahl von Kriegen führte dazu, dass Menschen hierher flüchteten.
  Außerdem sei dieses Land immerhin der drittgrößte Waffenproduzent weltweit. Zunächst müsste man die Ursachen beseitigen, die in der Regel die Auslöser für Flucht und Vertreibung seien.
  »Außerdem ist die weltweite Korruption, der Schlüssel zum Kerker für das Leid einer Bevölkerung!«, sagte ich.
  Diese Argumentation ließ man jedoch nicht gelten.
  Meine Mutter meinte, dass einem an diesem Ort besonders viele Ausländer aus allen Herren Ländern über den Weg liefen und die müssten sie und nicht ich beim Einkaufen ertragen. Im Übrigen verirrte sich bei uns in der Einöde ohnehin keiner von denen, denn da wollte garantiert niemand freiwillig hin.
  Nachdem sich die Ehepartner in ihren Ansichten bestätigt sahen, fragte mein Vater an mich gewandt:
  »Sag´ einmal? Warum warst du eigentlich nie politisch tätig? Politik interessierte dich doch immer?«
  Für die Antwort benötigte ich nicht lange und entgegnete:
  »Es gab keine Partei, die demokratisch und sozial ist und damit meiner Richtung entsprach. Außerdem mag ich diese Parteimeierei nicht. Ich lege mich nicht gerne fest. Ständig würde ich mich so fühlen, als sei ich in ein zu enges Korsett gepresst und müsste stets meine Meinung unterordnen. Im Übrigen könnte ich dich das gleiche fragen.«
  »Aber ich war in früheren Jahren immer Mitglied in der Gewerkschaft«, hielt er entgegen:
  »Nur als aktives Mitglied erreicht man etwas. Sonst hätte es keine Lohnzuwächse gegeben. Vor der Jahrhundertwende wurde die arbeitende Bevölkerung mit Hungerlöhnen abgespeist. Ohne gewerkschaftliche Vertretung gäbe es diesen Wohlstand in diesem Land nicht. Na ja, das wurde ja mittlerweile durch die Globalisierung alles wieder abgebaut und aufgrund von Mitgliederschwund geschwächt.«
  Nach anderthalb Stunden, in denen der Graupapagei seinen obligatorischen Mittagsschlaf im abgedunkelten Käfig verbrachte, folgte das Kaffeetrinken, bei dem sich meine Eltern über ihren Urlaub austauschten.
  »Wir haben All-Inklusive in einer Ferienanlage in der Türkei gebucht. Leider gibt es zurzeit überall Unruhen. Zu gerne wäre ich nach Thailand oder Ägypten geflogen!«, bedauerte meine Mutter.
  Sie fragte an mich gewandt:
  »Möchtest du etwas von dem Erdbeerkuchen oder von dem Frankfurter Kranz?«
  Dazwischen warf von anderer Seite jemand eine Bemerkung ein, von der angeblich niemand der hier Anwesenden wusste, woher der Ausspruch stammte:
  »Der Opa ist ein Schwein!«, drang es laut vernehmlich unter dem Käfigüberwurf hervor.
  »Ach, die Lora ist ja wach!«, freute sich der Gerufene und sprang unverzüglich auf, um die Decke vom Käfig zu ziehen.
  Jedes Mal, wenn ich meine Eltern besuchte und den Vogel sah, fühlte ich mich an Weihnachten anno 1967 erinnert:
  Diesen Heiligen Abend verbrachte ich zum größten Teil in der Badewanne.
  Dabei wollte ich zu diesem Zeitpunkt lieber vor dem Fernseher sitzen, es lief meine langersehnte Lieblingsweihnachtssendung »Wir warten auf das Christkind«.
  Zwischendurch kam meine Mutter hinzu, die mich darüber benachrichtigte, dass das Christkind gleich mit Verspätung zur Bescherung heraneilen werde.
  Damals kamen mir allerdings ernsthafte Zweifel, ob der genannte Ankömmling überhaupt existierte. Am Stau konnte diese Unpünktlichkeit nicht liegen, zu der Zeit fuhren kaum Autos. Nachdem ich nach dreistündigem Dauerbaden total aufgequollen, wie eine Wasserleiche aussah, bettelte ich meine Mutter an, damit ich endlich die Wanne verlassen durfte, gleich danach wollte ich ins Bett.
  »Das Christkind kommt nachher, fülle halt noch etwas heißes Wasser nach und stell dich nicht so an!«, sagte sie ungnädig, während sie den Heißwasserhahn bediente.
  Mit hochrotem Kopf und nach diesem Bademarathon bereits zu müde für eine Bescherung, fand ich mich schließlich völlig abgekämpft im Wohnzimmer wieder. Neben dem hell erleuchteten Weihnachtsbaum stand ein mit Bettlaken verhängtes Teil.
  Meine Eltern sahen mich gespannt an. Es herrschte totale Stille, ich schlief vor Müdigkeit fast im Stehen ein.
  »Na, zieh das Laken ab!«, forderte mich mein Vater auf.
  Ich zog und blickte perplex drein.
  Darunter saß ein grauer, gefiederter Geselle mit rotem Schwanz, das Federkleid zur Abwehr aufgestellt.
  »Ein Papagei!«, hauchte ich, bedankte mich artig und enttäuscht zugleich, denn in Wirklichkeit sehnte ich mich nach einem Hund unter dem Baum oder zumindest etwas anderem Pelzigem. Stattdessen gab es einen Vogel.
  »Aus dem Grund ist das Christkind heute so spät angekommen!«, teilte meine Mutter mit und mein Vater nickte:
  »Tja, das musste erst einmal hierher fliegen!«
 

Nach kurzer Zeit stellte sich heraus, dass mich mein Weihnachtsgeschenk nicht ausstehen konnte und bei jeder Gelegenheit biss.
  Trotzdem saß ich stundenlang im Bemühen vor dem Käfig, ihm das Sprechen beizubringen. Gebetsmühlenartig sagte ich ihm vergeblich seinen Namen vor.
  Meine Mutter meinte:
  »Aber die Lora von der Familie Krause, die kann so toll reden. Unser Vogel, der lernt das nie!«
  »Der ist offenbar zu blöd dazu!«, kommentierte mein Vater.
  Nach ungefähr zwei Jahren, als bereits sämtliche Familienmitglieder die Hoffnung aufgaben, dass aus diesem Federvieh jemals ein Wort herauskäme, sagte es plötzlich und unerwartet, diese vier zusammenhängenden Buchstaben:
  »Lora!«
  Allen Beteiligten kam es vor, als wenn ein Kleinkind das lang ersehnte erste Mal brabbelte, dementsprechend fiel die Begeisterung aus.
  Zwar handelte es sich um einen gewöhnlichen Papageiennamen, fast jeder Papagei hörte zur damaligen Zeit auf Lora, aber immerhin.
  Wie selbstverständlich ging das ehemalige Weihnachtsgeschenk nach meinem Auszug in den Besitz meiner Eltern über.
  Plötzlich riss man mich aus meinen Gedanken:
  »Esst endlich den Kuchen!«, mahnte meine Mutter und sah mich mit strengem Blick an.
  Sie deutete auf ihr Kuchenwerk:
  »Die Torten habe ich extra für euch gebacken!«
  »Das mit dem Urlaub wird aufgrund der zahlreichen Konflikte zunehmend schwierig! In Ägypten ist es besonders heikel!«, gab ich zu bedenken.
  »Deshalb fliegen wir auch in die Türkei!«, rief meine Mutter.
  »Aber dort gibt es Unruhen. Außerdem macht die Bevölkerung überhaupt keine Geschäfte mehr wegen der All-Inclusive Urlaube. Überall nehmen die Geschäftspleiten zu. Das Personal beutet man in diesen Hotelburgen aus!«, äußerte ich.
  Als ich von der gestrigen Fernsehreportage über die unterbezahlten Mitarbeiter in den Hotelanlagen berichten wollte, ertönte draußen das Hupkonzert eines Autos.
  »Wie macht das Auto?«, rief der Graue fragend aus dem Käfig und ahmte zur Antwort sogleich laut und schrill das Geräusch nach.
  »Tööööööt!«, hallte es durch den Wintergarten.
  Die zukünftige Türkeiurlauberin blickte angestrengt zu ihrem Urlaubsgefährten.
  Der entgegnete:
  »Blödsinn! Zum Beispiel ist in dem Gebiet in Ägypten, in das wir bisher reisten, nichts von den Aufständen zu spüren. Kairo ist meilenweit entfernt, nur auf dem Weg vom Flughafen zum Urlaubsort könnte es etwas brenzlig werden. Auf keinen Fall darf man in Richtung Sinai, da fliegen die Israelis hin, deshalb muss man dort jederzeit mit Anschlägen rechnen. Aber jetzt geht es in eine uns bekannte Anlage in Side, die hervorragend komfortabel ist. Bei der Vielseitigkeit des Buffets kann man wirklich nicht meckern.«
  Meine Mutter ärgerte sich:
  »Wegen der Unruhen ist es viel teurer geworden. Wir zahlen für vierzehn Tage dreißig Prozent mehr als im vergangenen Jahr, trotzdem ist bereits fast alles ausgebucht.«
  »Ja sicher!«, rief der Vogel laut, die dunkle Stimmlage meines Vaters imitierend dazwischen.
  Ich brachte meine Verwunderung darüber zum Ausdruck, dass die Aufstände die deutsche Bevölkerung so enorm belasteten und zudem die Inflation in Deutschland antrieben.
  »Ja sicher!«, schrie es erneut.
  Die weiteren Meinungen der einzelnen Familienmitglieder erinnerten eher an das Stimmengewirr eines südeuropäischen Marktes: Jeder sagte etwas und das gleichzeitig. Auch der Papagei meinte, zu der Unterhaltung beitragen zu müssen, und gab zwischendurch seine Kommentare zum Besten. Typisch für meine Familie: Permanent redete man zur gleichen Zeit und niemand hörte zu.
  In dem Bemühen, stimmlich mitzuhalten, fühlte ich mich schließlich, nicht zuletzt wegen der zuvor eingenommenen Mahlzeiten abgekämpft und erschöpft.
  Müde drängte ich zum Aufbruch.
  Zwischenzeitlich sprang mein Vater auf, um im Wohnzimmer die Bundesliga einzuschalten.
  Laut hallte die Stimme des Kommentators, der gegen den Lärm im Stadion anschrie, in den Raum. In diesem Moment entdeckte meine Mutter, dass man im Radio, dessen Hintergrundmusik das Fußballspiel leise begleitete, soeben ihr Lieblingslied abspielte.
  Sie drehte den Verstärker ohne Rücksicht auf weitere Verluste bis zum Anschlag auf die volle Lautstärke. Nun dröhnte der Fünfziger-Jahre-Schlager um die Wette mit dem Fußballspielsprecher des ersten deutschen Fernsehprogramms, der sich fast die Lunge aus dem Leib schrie.
  Meine Mutter sang den Refrain, den sie bereits zweiundvierzig Jahre in- und auswendig kannte, perfekt mit. Währenddessen tanzte der Papagei grölend mit dem Kopf im Rhythmus wippend auf der Stange herum.
  Ich stieß meine Tochter an und stellte fest:
  »Früher als Teenager wäre ich für so etwas aber zur Rede gestellt worden!«
  Ich erhielt keine Antwort, die Angesprochene starrte mit abgerücktem Blick auf ihr Handy, auf dem soeben eine Nachricht einging.
  Glücklicherweise blickte sie einem Instinkt folgend, kurz vor Erreichen des Türpfostens auf.
  Bei der Verabschiedung reckte der zerrupfte Graupapagei den Hals in unsere Richtung. Anschließend drang aus dem Vogelkäfig ein Vernehmliches und wie ich meine erleichtertes »Tschöös!«
 

Auf der Rückfahrt machte ich mir über die Bemerkung meines Vaters Gedanken:
  Vermutlich hatte er recht und es mochte falsch sein, in dieser Passivität zu leben. Stattdessen sollte man bestrebt sein, politische Veränderungen herbeizuführen, und mir fielen die Meldungen in den Medien über eine neue Partei ein.
  Zu dieser Zeit ahnte ich nicht, welche Auswirkungen dieser Gedanke auf unser Leben haben würde.
  Auf dem Rückweg fuhr ich durch die verkehrsberuhigte Sackgasse, an deren Ende wir wohnten. Ich schloss die Tür zu unserem Einfamilienhaus auf, das wir als Ausbaufertighaus kauften, um es in dieser ländlichen Gegend selbst auszubauen.
  Diese Sache kostete uns einiges an Nerven, Zeit und Arbeit. Leider gehörten wir zu der Käuferschicht, die glaubten, der Innenausbau sei ein Kinderspiel.
  Wir fielen auf die Hochglanzbroschüren der Hausfirma herein, mit auf Fotos lächelnden Frauen und Männern, im adretten sauberen weißen Arbeitsoverall.
  Selbst zum jetzigen Zeitpunkt gab es überall Baustellen. Da unterhalb der Dachschräge Einbauschränke fehlten, standen viele Kartons aufgestapelt im Keller. Mittlerweile verlor ich den Überblick über den Inhalt.
  Mein Angetrauter meinte, dass wir die Dinge, die wir bislang nicht vermissten, ohnehin nie mehr benötigen würden. Diese Meinung teilte ich allerdings nicht.
  Leo, den ich mit seinem dunklen Schopf mit grübelndem Gesichtsausdruck vor dem Computer sitzend vorfand, unterbreitete ich sofort mein Vorhaben:
  »Im Radio berichtete man soeben von dieser neuen Partei. Das könnte die Alternative zu den anderen sein. Die nennt sich DSA, sieh´ dir einmal deren Internetseite an.«
  Wir saßen vor dem Bildschirm und recherchierten Kopf an Kopf eine Weile über das Parteiprogramm der Deutschen Sozialistischen Alternative.
  Leo blickte mich mit skeptischem Blick an:
  »Ich weiß nicht! Die machen doch alle, was sie wollen. Wer sagt denn, dass es bei dieser DSA nicht die gleichen Probleme gibt, wie bei den Etablierten? Sobald ihre Führungsfiguren die Abgeordnetenposten im Parlament innehaben, läuft es wie üblich in der Politik.«
  Seine Stimme klang desillusioniert und er sah mich frustriert an.
  Der Stress der letzten Monate hinterließ sichtbare Spuren, er sah müde und zermürbt aus.
  Unbeirrt sagte ich:
  »Es ist mir egal, was du davon hältst, ich fülle jedenfalls die Mitgliedschaftserklärung aus.«
  Überraschenderweise rief Leo:
  »Ich melde mich auch an!«
  Gemeinsam füllten wir das Online-Formular zur Mitgliedschaft in dieser sozialen Bewegung aus.
  »Was die alles wissen wollen!«, sagte Leo, schüttelte den Kopf und meinte, während er mit dem Einfingersystem tippte:
  »Eigentlich könnte ich mehrere Ausbildungen angeben!«
  »Es wird nach einem Ausbildungsberuf gefragt! Gib nur den einen an!«, antwortete ich und drückte auf Senden.
  Nach zwei Wochen kehrte ich vom Postkasten zurück und wedelte mit dem Schreiben:
  »Einladungsschreiben für die Gründungssitzung im Kreis«, las ich Leo vor.

KAPITEL 2

Hoffnungen

Das Parteitreffen fand an einem lauen Sommerabend, in einem am Rande der Altstadt gelegenen Fachwerkhaus statt.
  Wir kamen an und betraten einen bereits fast gefüllten Raum, in dem wir im hinteren Teil Platz fanden.
  Ich blickte mich um. Offensichtlich entsprachen die meisten der Anwesenden im Durchschnitt unserem Alter. Von der jüngeren Generation gab es offenbar kaum Interessierte.
  Vorne an der Stirnseite der Tische saßen drei Männer. Der hellblonde Brillenträger mit dem lichten Haar in der Tischmitte begann nach kurzem Räuspern damit, sich gegen den hohen Lautstärkepegel durchzusetzen:
  »Liebe Genossen und Genossinnen! Ich glaube, wir können anfangen! Alle einmal herhören!«
  Nur langsam senkte sich der Lärm. Man hörte vereinzeltes Gemurmel, der Redner sprach darüber hinweg:
  »Herzlich willkommen zur ersten konstituierenden Sitzung dieser neuen Partei. Zu meiner Person: Mein Name ist Achim Bloch, ich bin 45 Jahre alt, verheiratet und Vater dreier Kinder. Vor vier Monaten wurde ich aufgrund der Insolvenz meines Arbeitgebers arbeitslos und befinde mich noch immer auf Arbeitssuche. Mit meinem Arbeitslosengeld kommen wir nicht über die Runden! Ich gehörte früher zu den SPD Wählern, die meine Ziele heute nicht mehr vertritt.«
  Durch die Reihen zog sich ein Raunen, da sich in seiner Schilderung die meisten in ihrem Schicksal selbst erkannten.
  Bloch fuhr fort und deutete auf den schlaksigen sommersprossigen Typen neben sich:
  »Hier möchte ich meine Mitstreiter, den Marco Runge und Udo Martens vorstellen. Eine in der Runde fehlt noch, die Angelika Vollmer kommt später dazu. Der Marco kann sich gleich mit seinem Kurzlebenslauf bekannt machen. Also Marco, bei dir geht es jetzt weiter. Ich würde sagen, alle stellen sich kurz vor, damit jeder weiß, mit wem er es zu tun hat.«
  Der rothaarige Typ mit dem Vier-Tage-Bart, der mich sogleich an einen blassen Iren erinnerte, stand auf und bemühte sich, das erneute Stimmengewirr zu übertönen:
  »Hallo. Also ich heiße Marco Runge und war zuvor Mitglied in der SPD. Nach Hartz-IV ist diese Partei nicht mehr meine Heimat. Mit dem Achim verbindet mich einiges an Zielen, die wir hier in dieser neuen Partei umsetzen möchten. Ich bin 38 Jahre alt, verheiratet und bin Vater von zwei Kindern. Ich arbeite als Software-Entwickler.«
  Nachdem er sich gesetzt hatte, stand der Parteimitbegründer Udo Martens auf und stellte sich als 56 Jahre alter freiberuflicher Bausachverständiger vor.
  Von der Kopfseite des Tisches aus erzählten die Leute ihren Kurzlebenslauf und die Beweggründe für ihre heutige Teilnahme. Viele erhielten Geld vom Arbeitsamt oder andere Sozialleistungen, etliche Mittelständler sahen mittlerweile in ihrer Selbstständigkeit keine Perspektive.
  Einige ehemalige SPD Mitglieder, die den neoliberalen Kurs des Gerhard Schröder nicht mittragen wollten, suchten einen Neuanfang in dieser Partei.
  Seit der Agenda 2010 fand eine Umwandlung von Vollzeitjobs in 400,00 Euro Jobs statt, bei der die Arbeitgeberseite nur noch einen geringen Betrag in das Sozialsystem zahlte.
  Ich sah mir die Sitzungsteilnehmer an, die eine sozialpolitische Veränderung suchten. Die Mehrheit besaß in meinen Augen keinerlei politische Erfahrung. Erschreckend wenige Frauen interessierten sich für soziale Themen.
  »Das Interesse meiner Geschlechtsgenossinnen scheint im Allgemeinen eher gering zu sein!«, flüsterte ich Leo enttäuscht ins Ohr. Dieser nickte bestätigend, wirkte aber mittlerweile auf mich an der Sache nicht sonderlich interessiert.
  Eine mir gegenüber sitzende Frau mit raspelkurzem Haarschnitt beugte sich vor. Sie blickte mich mit ihren dunklen Augen an:
  »Das geht hier offenbar jedem so, wie dem Achim!«, äußerte sie, ich stimmte ihr zu. Sie stellte uns den neben ihr sitzenden schweigenden Freund Ulrich vor und sagte, ich solle sie Claudia nennen. Bei den sozialistischen Parteien nannten sich alle beim Vornamen im Gegensatz zu den Parteitreffen der Konservativen: Dort ging es gediegener zu: Wahrscheinlich trank man Wein statt Bier, die perfekt gestylten Anzug- und Krawattenträger siezten sich und redeten höchstwahrscheinlich gesittet der Reihe nach.
  Hier saßen die Leute in Jeans und T-Shirt beisammen, sprachen durcheinander und niemand hörte zu, sodass ich mich fast wie daheim bei meinen Eltern fühlte.
  Mein Gegenüber beugte sich erneut vor:
  »Das ist typisch für die Intellektuellen, jeder meint, er müsste seinen Senf dazugeben und quatscht dazwischen!«
  Ich nickte, da mochte etwas Wahres dran sein. Intensiv beobachtete ich das bunte Volk.
  Angesichts der Tatsache, dass so viele der zukünftigen Mitglieder keinerlei Erfahrungen in der Parteiarbeit mitbrachten, beschlichen mich erste Zweifel. Wie sollte da ein reibungsloser Umgang mit den Medien überhaupt gewährleistet sein? Bekanntermaßen stürzte sich gleich die gesamte Presse auf jede vermeintlich fehlerhafte Bemerkung und Patzer von Mitgliedern einer neuen Partei.
  Das wäre ein gefundenes Fressen, um die DSA niederzuschreiben.
  Mein Blick fiel hinüber zu den Tischnachbarn. Claudia schien genau wie bei mir eindeutig der aktivere Part in der Beziehung zu sein, ihr Freund wirkte eher desinteressiert.
  Leo stieß mich an und blickte vielsagend zu Claudias Partner, er flüsterte:
  »Der schaut richtig muffelig drein!«
  Ich gab zur Antwort:
  »Was glaubst du eigentlich, wie du die ganze Zeit guckst?«
  Darauf schwieg er.
  Claudias Freund sagte nicht viel, sie dafür umso mehr. In den Augenblicken, in denen die ziemlich füllige Claudia ihrem lauten Lachen freien Lauf ließ, blickten alle in unsere Richtung. Sie erzählte, sie sei geschieden und lebte nun mit ihrem Freund und den Kindern zusammen. Nach ihrer Schwangerschaft fand sie als gelernte Buchhalterin seit vier Jahren keinen Job.
  Sie erzählte:
  »Der Uli arbeitet als Gärtner. Das ist ein Saisonjob. Von Beruf ist er eigentlich Schlosser, aber da findest du heutzutage kaum Arbeit. Genauso wenig wie in meinem Job. Außerdem sind wir beide über vierzig, da hast du auf dem Arbeitsmarkt so gut wie keine Chancen mehr«, sagte sie und schüttelte den Kopf.
  Dann fügte sie hinzu:
  »Nach achtzig Bewerbungen gebe ich auf, die senden einem noch nicht einmal die Bewerbungsunterlagen zurück.«
  Ich nickte, das kannte ich.
  »Mit dem Verdienst vom Uli kommen wir mit drei Kindern nicht über die Runden. Den Kindesunterhalt erhalte ich vom Jugendamt, mein Ex hat sich aus dem Staub gemacht. Was der Uli in seinem neuen Gelegenheitsjob verdient, ist ein Witz. Außerdem muss er im Winter Kurzarbeit anmelden. In der heutigen Zeit bekommt man auch keinen 400,00 Euro Job.«
  Uli nickte bestätigend, mit verkniffenem Mund und verschränkten Armen, stierte er vor sich hin.
  »Klar, bei diesen hohen Mieten und Mietnebenkosten. Die Inflation lässt die Lebenshaltungskosten immer weiter steigen!«, bestätigte ich.
  »Da muss man endlich etwas machen!«, rief Claudia vernehmlich, sodass einige Leute zu uns blickten.
  »Diese Penner aus Berlin, die sehen nur zu, dass die ihre Posten besetzen, das gemeine Volk, das sie einmal gewählt hat, interessiert die einen Dreck!«, fügte sie hinzu.
  Achim Bloch bat inmitten des Stimmengewirrs erneut um Ruhe.
  »Sind jetzt alle mit der heutigen Gründung einer Partei einverstanden?«, fragte er, nachdem sich der Geräuschpegel etwas gesenkt hatte.
  Ich dachte darüber nach, dass Claudia die ideale Besetzung für den Sprecherposten wäre. Sollte sie als Sprecherin vorgeschlagen werden, würde ich sie wählen. Sie besaß meiner Meinung nach das passende Durchsetzungsvermögen, ihren Uli hatte sie jedenfalls offensichtlich gut im Griff.
  An diesem Abend wählten die Parteimitglieder die neuen Vorsitzenden sowie deren Beisitzer für den Kreisverband.
  Vier Frauen gegenüber vierzehn Männern erklärten sich bereit, in der Partei aktiv mitzuarbeiten. Ich freute mich darüber, dass Claudia den Sprecherposten erhielt.
  Zum zweiten Sprecher kürte man Udo Martens.
  Die Abstimmung war fast gelaufen, da kam Angelika Vollmer, 48 Jahre, Buchhändlerin und die einzige Frau im seriösen Hosenanzug inklusive Perlenkette atemlos hinzu. Sie trug einen dunklen akkurat geschnittenen Pagenschnitt und wirkte auf mich magersüchtig. Sie entschuldigte ihr Zuspätkommen mit dem fürchterlichen Berufsverkehr in der Innenstadt.
  Zunächst dachte ich, sie hätte sich im Saal verirrt und gehörte auf die im Nebenraum stattfindende Hochzeitfeier oder auf eine FDP-Veranstaltung.
  Tatsächlich stellte sich heraus, dass sie langjähriges SPD-Mitglied im Kreis gewesen war und diese Partei erst vor Kurzem verlassen hatte. Als sie beschloss, dass sie den Kurs des Gerhard Schröder nicht mehr mittragen wollte, plante sie gemeinsam mit Achim Bloch, der im gleichen Ort wohnte, die Gründung einer neuen Partei.
  Sie stellte sich als ziemlich redegewandt und politisch routiniert dar, ganz im Gegensatz zu der gewählten Claudia Boots, der man anmerkte, dass sie noch nicht über diese Erfahrung verfügte.
  Auf die Frage von Achim Bloch, wer sich für das Amt des Schatzmeisters zur Verfügung stellen wollte, folgte zunächst Schweigen im Raum.
  Diese unbeliebte Tätigkeit haute genau wie früher bei der Wahl des Klassensprechers in der Klasse, niemanden vom Hocker. Stattdessen herrschte gespannte Ruhe. Alle sahen zu Boden oder hoffnungsvoll zu ihrem Gegenüber.
  In die Stille hinein meldete sich ein schwarz gekleideter hagerer, äußerst unauffälliger Typ mit schütterem Haar und dunklem dickem Brillengestell, das sein Gesicht zu beherrschen schien, zu Wort.
  Er räusperte sich:
  »Also, ich könnte mir durchaus vorstellen, das zu übernehmen!«
  Eine gewisse Erleichterung ging durch den Raum, man wählte ihn einstimmig zum Schatzmeister der Partei.
  »Diesem Günter Schmitz liegt das, da er als Unternehmensberater ständig mit Zahlen jongliert! Das wollte sonst keiner hier machen!«, flüsterte ich Leo zu.
  Der zuckte gleichgültig mit den Schultern, beugte sich zu mir vor, um mir ins Ohr zu flüstern:
  »Wie der aussieht! Der Typ geht zum Lachen in den Keller! Guck dir den mal an, der ist total staubtrocken. So ein richtiger Antityp.«
 

»Jetzt bewegt sich etwas«, sagte ich mit einer gewissen Erleichterung später zu Leo, als wir in den Wagen stiegen.
  »Meinst du?«, fragend blickte er mich an.
  Während er das Auto startete, streifte er mich mit einem Seitenblick.
  Ich antwortete:
  »Na, immerhin ist neben dem Udo Martens auch eine Frau, die Claudia Boots zur Sprecherin gewählt worden.«
  »Wer ist denn Claudia Boots?«, fragte Leo.
  Überrascht blickte ich ihn an:
  »Das ist jetzt nicht dein Ernst, oder?«
  Völlig ahnungslos sah er mich an:
  »Ich habe keine Ahnung!«
  »Sie und ihr Freund saßen uns den ganzen Abend gegenüber. Das war der Typ, der wie du meintest, so muffelig dreinschaute. Mit der Claudia hatte ich mich längere Zeit unterhalten.«
  »Ach so«, sagte er und sah die Ereignisse des heutigen Tages als erledigt an.
  Bei ihm hatte ich das Gefühl, das er nur wegen mir in diese Partei eingetreten war. Hier waren wir völlig grundverschieden, denn ich war der Meinung, dass man mit der richtigen Partei etwas bewegen konnte.
  Leo äußerte hingegen, dass wir ohnehin mittlerweile in einer Diktatur lebten, in der die Regierenden alles unternahmen, um weiterhin an der Macht zu bleiben.
  Bislang hätten das aber viele noch nicht mitbekommen und dabei sah er mich vielsagend an.
  Mich ärgerte diese Einstellung, denn ich gab nie schnell auf und meiner Meinung nach war es für eine neue politische Ausrichtung nicht zu spät.
  Eine Mitnahme von Leo ersparte ich mir deshalb bei den weiteren Treffen.
  Claudia schien die Sache genauso zu sehen und nahm ohne ihren Freund an den Parteitreffen teil.
  Jedes Mal, wenn ich von einer Versammlung nach Hause zurückkehrte, fragte Leo, der diese Abende meistens mit einem Nickerchen vor dem Fernseher verbrachte:
  »Wie ging es heute?«
  Mein Gesichtsausdruck sprach Bände und Leo fuhr fort:
  »Warum fährst du überhaupt weiterhin dorthin? Ich hatte dir gleich gesagt, das bringt nichts. Es gibt viel zu wenig Leute, die sich für Parteiarbeit interessieren. Ich glaube, den Menschen geht es noch zu gut, trotz Hartz-IV und den prekären Beschäftigungsverhältnissen. Die Arbeitslosen hängen zu Hause vor dem Computer ab, anstatt zu demonstrieren. Deshalb wurde Hartz-IV erfunden, zur Beruhigung und um alle unter einen Teppich zu kehren. Selbst wenn man jahrzehntelang gearbeitet hat und unverschuldet in die Arbeitslosigkeit gerät, landet man unweigerlich in der Sozialleistung!«
  Mich ärgerte die geringe Solidarität:
  »In Deutschland geht niemand auf die Straße, das ist in Italien und Frankreich anders. Die Deutschen kommen mir vor, wie eine Herde Schafe, die sich regieren lassen.«
  »Solange sich jeder ein Handy, einen Flachbildschirm samt Computer leisten kann, die Bundesliga für Zerstreuung sorgt, ist alles in Ordnung. Es ist einfach naiv zu glauben, es ändert sich mit einer Partei wie dieser etwas!«, meinte Leo.
  Mittlerweile gab ich ihm recht.
  »Wie viele von denen, die am Anfang mitmachten, kommen jetzt noch?«, wollte er einmal wissen.
  »Es gab etliche Austritte, darunter befinden sich auch Gewerkschaftler. Schade, das waren alles gute Leute mit viel Engagement. Dafür gibt es einige Neuzugänge«, antwortete ich.
  »Im Übrigen werde ich langsam das Gefühl nicht los, dass die Männer im Vorstand alles an sich gerissen haben. Man merkt, wer von denen ganz nach oben will. Die geben den anderen kaum eine Chance, obwohl mittlerweile sehr viele sozial engagierte und politisch erfahrene Leute dabei sind.«
  »Ist in den letzten Wochen oder Monaten etwas passiert, von dem du sagen kannst, dass es effektiv ist?«, fragte Leo weiter.
  Ich zuckte mit den Schultern und gab zur Antwort:
  »Eindeutig nein! Parteiarbeit stellt man sich anders vor.
  Stattdessen wird die Claudia von den Vorstandsgenossen fertiggemacht. Wegen angeblicher Äußerungen vor der Presse, die zuvor nicht mit der Parteispitze abgesprochen worden seien. Es herrscht permanenter Ärger und es vergeht kein Treffen, in dem nicht darüber diskutiert wird. Dieses Thema beherrscht die gesamten Sitzungen. Themen, wie Hartz-IV und die Diskussion um die prekären Beschäftigungsverhältnisse geraten völlig ins Hintertreffen.«
  Plötzlich wurde mir klar, dass es sich um ein Kalkül handelte.
  »Du, ich glaube, die wollen die Claudia fertigmachen!«, sagte ich an Leo gewandt.
  Er nickte:
  »Hm, so wie du mir das schilderst, sieht es für mich auch aus«, stellte er fest.

März 2006

Seit der Parteigründung war mittlerweile fast ein Jahr vergangen. Man konnte noch nicht einmal sagen, dass es bei der Parteiarbeit zu einem Stillstand gekommen sei. Dazu hätte es zunächst überhaupt einen Start geben müssen.
  Außer einigen Informationsständen samstags in der Fußgängerzone der Stadt und einer kleinen Protestkampagne vor dem Rathaus war kaum Wesentliches passiert.
  Gleichgültig, wer von den Genossen einen Vorschlag für irgendwelche Aktionen unterbreitete, irgendwie wurde alles von Querelen untereinander überlagert.
  Ich gewann den Eindruck, dass es nicht nur mir so ging, sondern auch bei den anderen das Interesse an der politischen Arbeit nachließ.
  Die Reihen leerten sich. Manchmal saßen wir nur zu sieben oder acht Leuten in dem muffig riechenden Vereinsheim. Es kam schon einmal vor, dass die monatliche Sitzung nicht stattfinden konnte, da die erforderliche Mitgliederzahl nicht zustande kam.
  Immer häufiger war ich als einzige Frau zugegen, da Claudia Boots und Angelika Vollmer sich entschuldigen ließen.
  Wenn sich die vorwiegend männlichen Parteigenossen nicht über Claudias zuvor gemachten Äußerungen gegenüber der Presse aufregten, hielt man einem anderen Mitglied irgendeinen Fehler vor.
  Die Sache nervte mich kolossal, dabei gab es für mich genug außerhalb meiner Parteiarbeit zu tun. Als Frau musste ich mich nicht nur um mein berufliches Weiterkommen bemühen, sondern auch um den Haushalt. Kein Wunder, dass viele Geschlechtsgenossinnen schnell das Weite suchten, als sie bemerkten, was dort ablief.
  Ich warf jedoch nicht die Flinte ins Korn, da ich die Hoffnung, auf eine dem Menschen zugewandte sozialere Politik nicht aufgeben wollte.
  Vielleicht mochte ich es Leo aber gegenüber auch nicht eingestehen, dass ich mit der Durchsetzbarkeit dieser Ziele einem Irrtum aufgesessen war.
  Die Vorstandsmitglieder saßen meistens vorne auf den harten altmodischen Stühlen in einer Reihe des dunklen Versammlungsortes:
  Achim Bloch, der stets redegewandt agierte, daneben der stille und undurchschaubare blasse Udo Martens, der hinter seinem Laptop brütete und ab und zu etwas tippte. Oftmals glänzte Angelika Vollmer durch Abwesenheit und ließ sich wegen ihres anstrengenden Jobs entschuldigen. Sie schien das Interesse verloren zu haben, obwohl die Parteigründung hier im Kreis, auch auf sie und Achim Bloch zurückzuführen war.
  Vor allem Marco Runge mischte bei Äußerungen bezüglich eines Fehlverhaltens der Claudia Boots kräftig mit.
  Der Rotschopf hing über dem Laptop gebeugt und tippte während der Sitzungen eifrig auf der Tastatur herum.
  Ich begann mich zu fragen, warum er und Martens genauso wie der für die Finanzen zuständige Schmitz, stets ihre Computer mitnahmen. Die meisten Leute kamen mit Block und Kuli zum Protokollführen oder um einige Notizen zu Papier zu bringen.
  Vor allem der unscheinbar wirkende Runge, übernahm allmählich die Führungsrolle innerhalb der Partei.
  Nachträglich fiel mir auf, dass der Bartträger anfangs die Beobachterposition innehatte. Mit der Zeit intensivierte er sein Engagement, wobei er sich zunehmend auf den Umweltsektor konzentrierte.
  Während einer Sitzungspause kam einmal Achim Bloch auf mich zu und fragte:
  »Wie war denn der Besucherandrang an eurem Infostand am letzten Samstag? Bei uns im Ort war der Andrang ziemlich groß, es gab viele Leute, die sich Informationsbroschüren holten. Ich hatte dich übrigens absichtlich mit dem Bernd Müller und der Angelika Vollmer zusammen an diesem Stand eingeteilt.
  Die Claudia Boots schießt dauernd quer, die hatte mit dem Klaus Marquard in ihrem Ort einen Infostand.«
  Ich antwortete:
  »Die Angelika hat kurzfristig abgesagt. Ich war mit dem Bernd alleine da. Ich hätte auch gerne zusammen mit der Claudia einen Stand gemacht. Ich habe mit ihr keine Probleme, ganz im Gegenteil.«
  Achim Bloch erinnerte mich mit seiner Art, in der er auf mich einredete, immer mehr an einen Versicherungsberater. Er blickte mich verärgert an und sagte:
  »Mit der Claudia gibt es dauernd Querelen. Ehrlich gesagt, wollte ich dich damals bei der Wahl lieber zur Sprecherin vorschlagen, aber du wolltest nicht.«
  Ich winkte ab:
  »Eigentlich bin ich froh darüber, dass ich nicht in diesen Genuss kam. Als wenn ich es geahnt hätte.
  Dieses Theater bin ich langsam leid. Warum ist hier keine normale Parteiarbeit möglich? Weshalb kreist alles immerzu um hausgemachte Probleme?«
  Bloch sah mich mit seinen grauen Augen durchdringend an und antwortete:
  »Es ist doch nicht unsere Schuld, wenn die Claudia dauernd quer schießt!
  Sie gibt als Sprecherin die politische Zielrichtung nach außen weiter.
  Damit trägt sie eine verdammte Verantwortung und kann sich nicht einfach darüber hinwegsetzen. Sie muss sich zuvor mit uns an der Spitze abstimmen, bevor sie irgendwelche Sachen an die Presse weitergibt.«
  Ich entgegnete:
  »Ich fand Claudias Äußerungen zu der Privatisierung von sozialem Wohnraum und des Strom- und Wassernetzes nicht falsch. Sie hat damit auch meine Meinung zur politischen Ausrichtung dieser Partei zum Ausdruck gebracht. Was soll daran verkehrt sein?
  Es ist doch kaum möglich, jeden einzelnen Satz, der an die Presse weitergegeben wird, mit euch abzustimmen.«
  Statt einer Antwort drehte sich Bloch zu Runge um, der soeben vorne mitteilte, dass die Pause beendet sei.
  Alle kehrten zu ihren Plätzen zurück.

****

Desillusioniert legte ich den Fokus verstärkter auf mein berufliches Weiterkommen.
  Nach langem Nachdenken machte ich mich mit einer Serviceagentur selbstständig und erhielt ein Angebot.
  Als irritierend empfand ich es jedoch, dass der Inhaber einer Bonner Anwaltskanzlei mich um 23.00 Uhr zu Hause anrief.
  Aufgrund meiner Vorbehalte wegen des späten Anrufes meinte Leo, dass es nicht falsch sein könnte, hier einen Vorstellungstermin zu vereinbaren, es sei vielleicht anders, als es zunächst aussah.
  Ich ging also zu dem vereinbarten Gespräch, fünf Tage danach begann ich mit der Tätigkeit und stand morgens vor der Bonner Kanzlei.
  Die außen installierte Überwachungskamera irritierte mich, ich drückte mehrfach auf die Klingel, bis man mir endlich öffnete.
  Eine Mitarbeiterin, die hinter dem Empfangstresen arbeitete, stellte sich mit russisch klingendem Dialekt als zukünftige Kollegin vor und bot mir sogleich das »Du« an.
  »Es gibt noch Mitarbeiterin, aber ist leider erkrankt«, teilte Swetlana mit und zeigte mir meinen Arbeitsbereich.
  »Wo ist denn der Anwalt?«, fragte ich, während ich mich suchend umblickte.
  Sie antwortete:
  »Oh, der kommt später, ist bei Gericht!«
  »Es geht um meinen Vertrag«, entgegnete ich.
  »Ach, den wird er dir sicher nachher geben. Ist nicht zuvor alles besprochen worden?«, fragte sie und blickte mich prüfend an.
  Sie schien jung, ich schätzte sie auf Anfang dreißig.
  Ich nickte:
  »Ja. Aber trotzdem möchte ich erst mit Arbeitsvertrag arbeiten!«
  »Anwalt kommt gleich!«, versicherte sie und führte mich weiter durch die Räumlichkeiten.
  Als der Kanzleiinhaber wenig später eintraf, wirkte er zerstreut und machte auf mich den Eindruck eines verrückten Professors.
  Eilig durchschritt er die Kanzleiräume und vertröstete mich mit meinem Anliegen auf den Nachmittag.
  »Ich komme von einem Prozess und habe mich soeben fürchterlich geärgert«, teilte er mit und fügte hinzu:
  »In der Zwischenzeit kann Ihnen Swetlana alles zeigen. Im Augenblick gibt es bei mir ein Zeitproblem!«
  Er verschwand in seinem Büro und knallte dabei die Tür hinter sich zu.
  Als wenig später die Türklingel erklang, schrak die Kollegin zusammen, drehte sich herum, um angestrengt auf den Monitor zu blicken:
  »Nie Tür öffnen, ohne dich zuvor zu vergewissern, wer draußen steht!«, mahnte sie, betätigte schließlich erleichtert den Türöffner:
  »Ach, ist nur Postbote.«
  Nachdem sie die Post in Händen hielt, wandte sie sich abermals an mich:
  »Die Briefe will er selbst ansehen, also grundsätzlich niemals Umschläge aufreißen.«
  Ein merkwürdiges Gefühl beschlich mich.
  Später führte sie mich noch in die anderen Räume, deutete dabei auf ein Faxgerät:
  »Dieses Faxgerät darf ausschließlich nur für Immobilienbetreuung verwendet werden. Dort hinten stehen Ordner. Fax ist so eingestellt, dass Adressat hinterher keine Faxnummer sehen. Aber nicht vergessen!«, sagte sie und hob die Augenbrauen hoch:
  »Sonst wird er wütend!«
  Die restlichen Stunden bis zum Mittag verbrachte ich mit dem Schreiben einiger Diktate, während Swetlana die russische Post ins Deutsche übersetzte und umgekehrt. Sie erzählte mir zwischendurch, dass sie neunundzwanzig Jahre alt sei, in Deutschland Germanistik studierte und über Umwege, die sie mir nicht näher erläuterte, hier hängen geblieben sei.
  Ich schrieb mehrere Briefe nach Diktat mit den Kopfhörern vom Band ab, musste aufgrund eines ansteigenden Lärmpegel im Flur, das Tonvolumen immer weiter nach oben bis zum Anschlag stellen.
  Schließlich nahm ich resigniert die Hörer ab.
  Der Anwalt stand dort mit langer grauer Haarmähne, die Strähnen hingen ihm wirr im Gesicht. Er gestikulierte mit einem gepolsterten DIN A4 Briefumschlag in der Hand herum.
  Offenbar gab es Meinungsverschiedenheiten zwischen ihm und Swetlana.
  »Ich öffne den Brief nicht. Zur Polizei gehe ich damit jedenfalls nicht!«, rief er erregt.
  »Aber, das ist eine Sache für Kripo!«, beharrte sie und sah ihn eindringlich an.
  Er hielt den Umschlag an sein Ohr und schüttelte ihn.
  »Hört sich an, wie ein Pulver. Könnte Anthrax drin sein!«, mutmaßte er.
  Zunächst dachte ich, er sei angesichts der Terroranschläge in New York etwas überdreht, manche Leute reagierten panisch auf diese Nachrichten.
  Aber nach einer Weile bemerkte ich, dass es einen ernsten Hintergrund zu geben schien.
  Die beiden stritten sich weiterhin über das Für und Wider einer Hinzuziehung der Kriminalpolizei. Nachdem Swetlana, mit dem Telefonbuch in Händen, die Notfallnummer der nächsten Polizeistation heraussuchen wollte, drehte er völlig durch und brüllte sie an.
  Geschockt von dem Vorfall, drückte ich mir die Kopfhörer tief ins Ohr, damit ich von den Streitereien nichts mitbekam.
  Er verzog sich in sein Büro, wobei er die Tür krachend hinter sich ins Schloss fallen ließ.
  Swetlana schien die Sache kalt zu lassen, sie widmete sich erneut ihrer Arbeit. Mir entging jedoch nicht, dass sie bei jedem Läuten der Türklingel zusammenzuckte.
  »Der will einfach nicht zur Polizei!«, sagte sie schließlich in meine Richtung.
  Ich nahm die Kopfhörer ab, auf meinen fragenden Blick hin fand sie die Situation offenbar erklärungsbedürftig.
  »Es ist so, es gab da ein paar Anschläge!«, fügte sie zögerlich hinzu.
  Mir fiel der 11. September ein, ich schluckte und fragte:
  »Was heißt ein paar?«
  Sie erwiderte:
  »Zweimal ist Haus von Unbekannten mit Farbe besprüht worden und nachts flogen Brandsätze durch Fenster. Aber uns gelang es, alles zu löschen.
  Ist deshalb nicht viel passiert!«, teilte sie aufgrund meines besorgten Blicks eilig mit.
  Ich begann mich darüber zu wundern, warum sie sich damals, bei den nächtlichen Bränden überhaupt im Haus befand.
  In dem Augenblick schloss jemand von außen die Eingangstür auf.
  Sie schrak hoch.
  »Wer ist das?« Diese Frage beantwortete sie, als sie sich umdrehte gleich selbst:
  »Ach, die Putzleute! Ich verstecke mich hinter dem Empfangstresen!«, flüsterte sie und ging sofort in Deckung.
  Verwundert blickte ich sie an. In dieser Hockstellung hielt sie den Finger auf die Lippen gepresst und sagte leise in meine Richtung:
  »Ich bin nicht da, wenn die nachfragen!«
  Die beiden Putzmänner stellten sich mir kurz vor und schlenderten danach hinaus, um die Wintergartenfenster zu putzen.
  Nachdem sie weggingen, kroch Swetlana aus ihrem Versteck hervor und äußerte:
  »Ich nehme jetzt meine Pause. Die werden höchstens eine Stunde beschäftigt sein, danach gehen sie. Leute sollten mich hier keinesfalls entdecken.«
  Auf meinen erstaunten Blick hin antwortete sie:
  »Die sehen mein blaues Auge, das mir Paul letztens versehentlich oben in Wohnung gehauen hatte. Die beiden Männer kamen zufällig vorbei, während es zwischen uns kleine Meinungsverschiedenheit gab.«
  Auf meine Frage:
  »Wer ist denn Paul?«, teilte sie mit:
  »Na, Chef. Ich wohnen mit ihm oben in Wohnung.
  Er ist manches Mal ziemlich temperamentvoll und unausgeglichen. Mir ist peinlich, wenn Leute mich am heutigen Tag mit blauen Auge sehen. Das zu überschminken war sehr viel Arbeit.«
  Verdattert machte ich ihr noch ein Kompliment bezüglich ihrer ausgereiften Schminktechnik.
  »Das mit dem Auge ist mir nicht aufgefallen. Sollte der Job hier irgendwann für dich passe´ sein, könntest du in das Kosmetikfach überwechseln!«, gab ich ihr als gut gemeinten Rat mit auf den Weg.
  Sie bedankte sich erfreut und wies mich auf eventuelle Anrufe hin:
  »Falls jemand wegen des Hauses in München anruft: Wir gehen preislich nicht hinunter, denn es rufen viele an und wollen handeln.
  Dabei handelt es sich übrigens um Elternhaus vom Paul, das ist ein Mehrfamilienhaus, das nicht unter Preis verkauft wird.
  Sag´ ihnen, ich melde mich. Notiere dir in jedem Fall Nummern!«
  Eilig nahm sie ihre Jacke, um sich in die Mittagspause zu verabschieden.

Nach meinem Feierabend stand ich wartend in der gefliesten U-Bahn-Station. Ein älterer Mann stieg mühsam die Treppe hinab.
  Mit schleppendem Gang trat er auf den ersten Abfalleimer zu, griff hinein und zog nach einigem Tasten eine Pfandflasche heraus, die er in der mitgeführten Tragetasche verschwinden ließ.
  Er schlenderte weiter, zum nächsten Müllkorb dieser Haltestation.
  Beim Näher kommen sah ich, dass er gepflegt gekleidet wirkte.
  Dieses Phänomen beobachtete ich öfter, mir kam der Gedanke in den Sinn:
  Man sieht ihnen ihre Armut nicht an.
  Der tiefe Fall schritt schneller voran, als man sich das vorstellte. Viele Rentner konnten von den niedrigen Renten nicht mehr leben.
  Und für eine Vielzahl Arbeitnehmer und Selbstständige galt: Job weg, alles weg.
  Früher gab es in den Großstädten stadtbekannte Landstreicher, die man im Volksmund mit dem wenig schmeichelhaften Namen »Penner« bezeichnete.
  Es gab sie immer, die vom Leben gestrauchelten, gezeichneten und gefallenen Menschen, die im Alkohol und anderen Drogen vergeblich ihren Seelenfrieden suchten.
  Nach der Wende veränderte sich das Straßenbild der Großstädte schlagartig, füllte sich allmählich mit denjenigen, die es nicht schafften, im Westen Fuß zu fassen. Von Jahr zu Jahr wurden es mehr, die mit Schlafsäcken auf schmutzigen Matratzen liegend, vor den Schaufenstern der Ladenlokale lagen.
  Glück für den, der sich einen relativ trockenen Übernachtungsplatz sicherte, bis er von den Mitarbeitern der privaten Sicherheitsfirmen verjagt wurde. Das sah man nicht gerne in den Innenstädten der Republik, ein stetig wachsender Bodensatz der Gesellschaft vor den Symbolen des Kapitalismus: Aber die Politiker konnten beruhigt sein: Kaum jemand in diesem Land wollte seine Not öffentlich zugeben.
  Es mochte einfach peinlich sein, nicht mehr »dazu zugehören«, in jenen Zeiten, in denen die Medien verkündeten, dass es den Deutschen noch nie so gut ging wie heute, der Einheitspresse sei Dank.
  Die Menschen dachten, dass es stimmte mit dem Wirtschaftswunderland Deutschland und die Börsen jubelten nach solchen Meldungen.
  Nach den Wahlen im November 2005 kam es zu einem Zusammenschluss der großen Parteien SPD, CDU und CSU. Seit dieser Koalition gab es zum ersten Mal eine Frau an oberster Spitze: Die neue Bundeskanzlerin, eine Ostdeutsche hieß Angela Merkel, die man in den Medien ab sofort als "Die Kanzlerin" betitelte.
  Dieser Koalitionsvertrag führte zu einer kleinen Opposition, die automatisch über ein geringeres Rederecht im Parlament verfügte, was wiederum die Demokratie beschnitt.

Einen Tag später sagte Leo, als er mich mit dem Auto zur Bahnstation brachte und ich ihm erst zu diesem Zeitpunkt von den Merkwürdigkeiten in der Kanzlei berichtete:
  »Bist du wahnsinnig? Da willst du erneut hin? Obwohl du dort Geschäfte mit der russischen Mafia vermutest?«
  Er bremste und hielt den Wagen in einer Parkbucht.
  Ich nickte und zog den Gasrevolver, den ich zuvor heimlich von zu Hause mitgehen ließ, aus der Tasche:
  »Das ist aber nicht alles: Den hier habe ich auch dabei!«, sagte ich, während ich das nächste Stück aus dem Selbstverteidigungssortiment heraus holte.
  »Das ist der Elektroschocker!«, bemerkte ich.
  Sprachlos blickte er auf das Gerät in meiner Hand und entschied:
  »Ich fahre zurück. Das darf doch nicht wahr sein. Du bist total verrückt geworden! Höchst wahrscheinlich steckt der Typ in üblen kriminellen Machenschaften, der schlägt seine Freundin, den Vertrag ist er dir schuldig und du willst mit einem Gasrevolver und Elektroschocker dort hinfahren? Bist du noch recht bei Trost?«
  Erneut zog ich meinen letzten Trumpf aus der Manteltasche:
  »Hier, das dient auch der Abschreckung!«, ich hielt ihm das Pfefferspray für den Hundespaziergang hin.
  Er sah mich an:
  »Das wird es bringen. Na klasse. Da kommen ein paar Typen mit der Kalaschnikow herein, wollen alle Anwesenden umnieten und du stellst dich denen hoch bewaffnet entgegen. Nein, da gehst du keine Minute mehr hin.«
  »Aber wir müssen das Haus finanzieren, irgendwie muss es doch weitergehen!«, sagte ich.
  »Das Haus, das Haus, das nützt uns auch nichts, wenn du dich in Gefahr bringst. Man muss wirklich total verrückt sein, dort nur eine Minute länger zu arbeiten!«, entgegnete er.
  Ohne rechtsgültigen Vertrag erhielt ich für meine Arbeit am Vortag keinen Euro.

KAPITEL 3

Die Ernüchterung

Die Nachrichtenkanäle zeigten Bilder aus Frankreich, wo es zu schweren Auseinandersetzungen zwischen jungen Einwanderern, meist arabischer Herkunft und der Polizei kam.
  In Deutschland berichtete man über den Fall »al Masri«. Der Mann mit deutschem Pass wurde seinerzeit vom amerikanischen Geheimdienst, unter Mitwirkung der polnischen Behörden, in ein Gefängnis verschleppt. Jahrelang hielt man ihn dort entrechtet ohne Prozess fest und folterte ihn.
  In der Londoner U-Bahn verübten islamistische Selbstmordattentäter ein Blutbad mit vielen Toten und Schwerverletzten.
  In der letzten Zeit verspürte ich immer weniger Interesse an den Kreisparteitreffen. Mittlerweile stimmte ich Leo zu, der von Anfang an die Durchsetzung sozialer Inhalte in dieser Partei angezweifelt hatte.
  Desillusioniert fragte ich mich, warum ich mir das weiterhin antat, denn Freundschaften bildeten sich dort ohnehin nicht.
  Zwischenzeitlich war zwischen den meist männlichen Mitgliedern ein offener Machtkampf um das beste Amt ausgebrochen. Ich stellte fest, dass es dort genauso zuging, wie in den anderen etablierten Parteien.
  Dabei gab es auf dem sozialen Gebiet viel zu tun:
  Die Bundesregierung unter Kanzlerin Merkel segnete Gesetze ab, die immer mehr Menschen in den Niedriglohnsektor drängte.
  Dadurch waren die Erwerbstätigen trotz Arbeit weiterhin auf staatliche Zuwendungen angewiesen. Hinzu kam, dass es zu einer Invasion ausländischer Billig-Jobber kam: Der polnische Fliesenleger und rumänische Schlachter, deren niedrige Löhne in ihren Heimatländern einen höheren Wert besaßen.
  Die zu Riesenkonzernen angewachsenen Unternehmen sahen nur die Rendite und die Arbeitnehmer bangten um ihre Jobs, die sie bald zugunsten preiswerterer Standorte verloren.
  Das schwächte wiederum die Gewerkschaften, die einen immensen Mitgliederschwund verzeichneten.
  Es entstanden immer mehr osteuropäische Produktionsstandorte.
  Als gutes Beispiel galt die dank Subventionen entstandene Bochumer Nokia Niederlassung. Nach einigen Jahren verlegte man das Werk in das Niedriglohnland Rumänien, das ebenfalls mit EU-Subventionen lockte.

Ich konzentrierte mich verstärkt darauf, endlich einen lukrativen Job zu finden. Um auf mich aufmerksam zu machen, gab ich mehrere Anzeigen in diversen Tageszeitungen auf. Leider blieb die Resonanz anfangs aus und fast hatte ich die Hoffnung aufgegeben, als sich der Geschäftsführer eines Suchdienstes bei mir meldete. Er bot mir eine Mitarbeit auf selbstständiger Basis an.
  Zunächst reagierte ich auf dieses Angebot mit einer gewissen Skepsis, da sich in puncto Heimarbeit viele schwarze Schafe tummelten. Nach einigem Überlegen versuchte ich es trotzdem.
  Die Sache funktionierte folgendermaßen:
  Ein freiberuflicher Mitarbeiterstamm arbeitete von zu Hause aus, zu einem festgesetzten Stundenlohn für das Unternehmen.
  Dieser, für die Anfragenden kostenlose Vermittlungsservice trug sich durch die Vermittlungsprovision der mittelständischen Firmen, die sich zuvor vertraglich an den Suchdienst gebunden hatten.
  Die Anrufer kamen mit vielfältigen Wünschen, sie suchten Steuerberater, Architekten und spezialisierte Ärzte oder Anwälte.
  Zunächst empfand ich die Homeoffice-Arbeit als ungemein praktisch, zumal keine Fahrtkosten vom ländlichen Gebiet in die Stadt anfielen. Auch die freie Zeiteinteilung erschien mir ausgesprochen nützlich.
  Meine vorherigen Bedenken lösten sich in Luft auf. Die Lohnzahlungen erfolgten pünktlich und ohne Beanstandungen.
  Allerdings machten mir einige der Anrufer zu schaffen. In den ersten Tagen erhielt ich Anfragen nach Bausachverständigen oder spezialisierten Medizinern. In der darauf folgenden Woche war ein Mann in der Leitung, den ich auf Mitte vierzig schätzte. Auf meine Frage nach seinem Anliegen räusperte er sich und schien nervös, dann antwortete er:
  »Ich bin auf der Suche nach einem Anwalt. Ich glaube, es geht hierbei um das Strafrecht. Es ist nämlich so, man will mir etwas unterschieben, das ich nicht gemacht habe. Also ...., die Polizei war bei mir zu Hause und hat meinen Computer beschlagnahmt. Äh.…, also, ich habe nichts gemacht.«
  Ich unterbrach ihn und fragte:
  »Um welche Sache geht es denn?«
  Er druckste abermals herum, bis er dann die Katze aus dem Sack ließ:
  »Man wirft mir vor, ich sei im Besitz von Kinderpornografie. Das stimmt aber gar nicht, man will mir da etwas anhängen. Suchen Sie mir möglichst einen Anwalt in der Nähe. Und rufen Sie mich nur über meine Handynummer an, bloß nicht zu Hause. Meine Freundin ist ab und zu hier und denkt vielleicht sonst etwas, die war nämlich bei der Polizeiaktion zum Glück nicht da.«
  Nachdem ich ihm versichert hatte, dass ich die Sache mit der nötigen Diskretion angehen würde, gab er mir seine Adresse und Handynummer.
  Dies sollte nicht der einzige Anruf sein. Fast wöchentlich erhielt ich eine Anfrage wegen eines derartigen Deliktes. Die Männer schienen aus allen Altersgruppen und Gesellschaftsschichten zu stammen. Einige Anwälte weigerten sich, solch einen Fall anzunehmen und verwiesen auf einen Pflichtverteidiger. Manche Kanzleien nahmen dagegen jeden an.
  Ich hoffte inständig, dass sich diese Art von Anrufen nicht häufte.
  Bei mir regten sich allerdings auch gewisse Zweifel:
  Wahrscheinlich hatten sich diese Männer wirklich einer abscheulichen Straftat schuldig gemacht. Aber was wäre, wenn man die Daten dem einen oder anderen Ahnungslosen tatsächlich mit einem Trojaner auf seinen Computer gespielt hatte? Wann immer jemand einer solchen Tat bezichtigt wurde, war er gebrandmarkt. In jedem Fall wurde der Ruf völlig ruiniert, selbst bei einer späteren, bewiesenen Unschuld. Außerdem konnte das bewusste Aufspielen dieser Filme und Bilder von Seiten Dritter nur sehr schwer nachgewiesen werden.
  Auf diese Weise gelang es gut, unbequeme und damit unliebsame Bürger mundtot zu machen.

****

Bei den Kreisparteitreffen gab es ständig Streitigkeiten mit Claudia, die sich nichts gefallen ließ.
  Oft erhielt ich zu Hause Anrufe von Marco Runge. Aus mir unbekannten Gründen rief er ausgerechnet häufig bei mir an, um über die in der Partei auftauchenden Probleme zu sprechen.
  Er fragte mich nach den hiesigen Ortsverbandstreffen, an denen er nicht teilnehmen konnte, da er in einem anderen Stadtteil wohnte.
  Ich äußerte, dass ich noch nie bei diesen Treffen dabei gewesen sei.
  Er ließ nicht locker und meldete sich verstärkt bei mir.
  Mich erstaunte, dass Runge trotz seiner Berufstätigkeit viel Zeit mit stundenlangen Telefonaten verbrachte.
  Er wollte mich unbedingt dazu überreden, dass ich mich mit Jens Wichmann in Verbindung setzte. Mit diesem verstand ich mich sehr gut.
  Anfangs kam Jens, der von Beruf Steuerfahnder war, regelmäßig zu den Sitzungen. Einmal erzählte er mir, dass er mit seinem Eintritt in diese neue politische Bewegung erreichen wollte, dass die Arbeitsüberlastung bei seiner Behörde durch Neueinstellungen reduziert wurde.
  Nach einiger Zeit verließ er die Partei und äußerte mir gegenüber seine Frustration darüber, dass es nicht möglich sei, hier politische Ziele durchzusetzen.
  Ich bedauerte auch den Weggang von Marius Jutrowski, einem Exil-Polen, der mir davon erzählte, wie er vor der Wende nach Deutschland kam.
  Er arbeitete als IT-Fachmann bei einem Pharmakonzern und verließ ebenfalls frustriert die Partei. Marius teilte mir noch mit, dass er sich nicht so völlig von der Politik verabschieden wollte.
  Als ich ihm gegenüber mein Bedauern über seinen Weggang äußerte, sagte er:
  »Ich bin ja nicht aus der Welt. Ich werde mich im Oldie-Verband umsehen.
  Mal sehen, vielleicht erreiche ich dort mehr.«
  Ich fragte erstaunt:
  »Was ist denn der Oldie-Verband? Davon habe ich noch nie etwas gehört!«
  Marius antwortete:
  »Das sind die Leute, die sich aus der Parteiarbeit zurückgezogen haben.
  Zum Beispiel der Björn Hofdahl oder die Lisa Schneider, die in der Gewerkschaft und den Betriebsräten kräftig aktiv sind.«
  »Und die treffen sich weiterhin?«, fragte ich.
  Er nickte und ich fügte hinzu:
  »Schade, du also auch! Die Ratten verlassen das sinkende Schiff, wie mir scheint. Wenn das so weitergeht mit den Streitigkeiten, werde ich mir das ebenfalls nicht mehr länger ansehen.«
  Jutrowski machte eine bedauernde Geste und sagte:
  »Ich bin ja nicht völlig weg!«
  Eines Tages erhielt ich von Markus Meyer und Sabine Golk, den beiden Mitbegründern der Ortspartei eine Einladung zu einer Parteiversammlung.
  Die Kurzfristigkeit des Termins erstaunte mich, und da diese Besprechung während meiner Arbeitszeit stattfand, sagte ich ab.
  Kurz darauf meldete sich erneut Runge bei mir, um sich nach dem Treffen zu erkundigen.

****

An einem Wochenende im Spätsommer fragte mich Achim Bloch, ob ich mit ihm und Schmitz als Kreis-Delegierte am Landesparteitag teilnehmen wollte.
  Wir trafen uns und machten uns gemeinsam auf den Weg.
  Draußen vor der Halleneingangstür gab es bereits erste Diskussionen, wegen des Verkaufs von hunderten Sozialwohnungen, gegen den etliche Parteimitglieder der DSA vorgehen wollten.
  Es bahnte sich eine hitzige Debatte über den generellen sozialen Kurs dieser Partei an.
  Plötzlich stieß mich Günter Schmitz an und deutete auf das Podium. Dort liefen vermummte Gestalten in Trenchcoat, Hut und Sonnenbrillen herum.
  »Was soll das?«, fragte ich.
  »Sieh mal, der da auf der Bühne, der hält ein Plakat in Händen, da steht Verfassungsschutz drauf!«, antwortete er.
  Jetzt erinnerte ich mich an die zahlreichen Pressemeldungen in Bezug auf die Abhöraffären der Verfassungsschutzorgane gegen Parteimitglieder.
  Der Parteitag verlief ebenso spannungsgeladen wie der nächste Tag, den ich ebenfalls mit Bloch und Schmitz, aus unserem Kreisverband verbrachte.
  Wir saßen bereits im Saal. Bevor es losging, wandte ich mich an Achim Bloch:
  »Ich frage mich, was du von dem Verkauf der Sozialwohnungen hältst? Ich finde es das Letzte, was die Genossen da vorhaben.«
  Der Angesprochene blickte kurz auf und murmelte sich etwas Unverständliches in den Bart.
  Auch Günter Schmitz, der die Frage ebenfalls verstanden hatte, wirkte unbeeindruckt. Bevor ich erneut nachfragen konnte, trat der erste Redner auf das Podium.
  Beim Mittagessen startete ich einen zweiten Anlauf.
  Ich wandte mich mit meiner Frage wieder an die beiden:
  »Diese Fondsgesellschaften pressen nur die Mieten heraus, die werden nichts investieren geschweige denn sanieren, lediglich Geld abkassieren.
  Für die Menschen wird Wohnraum immer unbezahlbarer. Vonseiten des Staates gibt es eine soziale Verantwortung gegenüber den sozial Schwächeren in unserer Gesellschaft oder etwa nicht?«
  Auf meine Frage erhielt ich erneut keine Resonanz.
  Beide schienen mit ihrer Mahlzeit beschäftigt. Spätestens da wurde mir klar: Keine Antwort ist auch eine Antwort.
  Es dauerte, bis ich diese Erkenntnis verdaut hatte.
  Bereits seit einiger Zeit erstaunte es mich, weshalb ein Unternehmensberater wie Schmitz, überhaupt Mitglied in dieser Partei war.
  Plötzlich fiel es mir wie Schuppen von den Augen und ich ärgerte mich gleichzeitig über meine Naivität.
  Später, gegen Ende ließ ich es mir nicht nehmen, ein klares Wort an Bloch und Schmitz zu richten:
  »Sag´ mal Günter, ich frage mich, warum du als Unternehmensberater ausgerechnet in einer Partei wie dieser bist? In deinem Job sorgst du dafür, dass zugunsten des Profits, nach Möglichkeit so viele Arbeitsplätze wegrationalisiert werden wie möglich. Anschließend vertrittst du die Interessen dieser Arbeitslosen? Das ist doch irgendwie schizophren!«
  Schmitz ignorierte meinen Einwurf, auch Bloch blieb stumm.
  Eine unbeschreibliche Wut stieg in mir hoch, damit lag es klar auf der Hand, in wessen Auftrag die beiden handelten und ich sagte:
  »Es ist genauso schizophren, dass ausgerechnet eine amerikanische Unternehmensberatung, die für abertausende Stellenstreichungen verantwortlich ist, »Die Tafel« gegründet hat. Und sich noch dessen rühmt.
  Zunächst beraubt man Menschen ihrer Existenz und spielt sich anschließend als mildtätiger Samariter auf. Das ist wirklich die Krönung!«

Ende der Vorschau