- Die Macht im Verborgenen - fhl-Verlag

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1. Kapitel

Nachdem er die Abfertigungshalle hinter sich gelassen hatte, ging er an den wartenden Taxen vorbei und überquerte mit dem Koffertrolley in der Hand die Straße. Auf dem Weg in das Parkhaus knöpfte er sich seinen Mantel zu. Er empfand es hier als ziemlich kalt und fröstelte. Nun setzte auch noch leichter Schneeregen ein.
  Direkt nach seiner Ankunft am Flughafen hatte er Beate angerufen, um ihr mitzuteilen, dass er noch nicht sofort nach Hause käme, sondern etwas in der Kanzlei zu erledigen hätte. Sie klang etwas gereizt, wahrscheinlich, weil er sie mitten in der Arbeit gestört hatte. Auch an diesem Tag saß sie wie so oft bis spät abends in ihrem Arbeitszimmer.
  Allerdings konnte es sein, dass sie misstrauisch geworden war. Im nächsten Augenblick verwarf er diesen Gedanken. Vielleicht bildete er sich das alles nur ein. Es gehörte schließlich zu seinen Gewohnheiten, dass er nach längerer Abwesenheit in der Kanzlei vorbeifuhr, um zu sehen, was sich in der Zwischenzeit im Büro an Arbeit angesammelt hatte. Heute aber hatte er etwas anderes vor.
  Als er am Parkautomaten stand, um das Ticket zu bezahlen, fluchte er, denn das eingeworfene Kleingeld kam immer wieder heraus. Erst nach mehrmaligem Versuch blieb das Geld im Automaten und er konnte das entwertete Ticket entnehmen. Damit ging er auf Parkdeck 3 und öffnete den Kofferraum, um den Trolley einzuladen.
  Langsam fuhr er durch die Schranken des Parkhauses, ließ das hell erleuchtete Flughafengebäude hinter sich und fuhr auf die Autobahn. Gut gelaunt schaltete er das Radio ein. Nach einer Weile nahm er die Abfahrt und steuerte einen abgelegenen Parkplatz, vor dem ein Park-and-Ride-Schild stand, an. Um diese Uhrzeit war sein Fahrzeug das einzige, das in der Dunkelheit auffuhr. Er stellte sich quer mitten auf die Parkfläche und blickte sich bei laufendem Motor um. Offenbar kommt sie zu spät, dachte er mit Blick auf die Uhr des vor ihm befindlichen, blau leuchtenden Displays. In diesem Augenblick preschte ein weißes Auto auf die Parkplatzauffahrt und fuhr an ihm vorbei. Ein Stück von ihm entfernt hielt der Wagen, ein schnittiges Cabrio der oberen Klasse, und die Tür öffnete sich. Er sah die Silhouette einer Frau, die auf der Fahrerseite ausstieg und gezielt auf ihn zuging, und betätigte die Fensteröffnung, um das Beifahrerfenster hinunterzulassen. Die Frau blieb stehen, sah zu ihm hinüber, sagte: »Hallo!«, beugte sich nach vorne und fragte mit angenehm klingender Stimme: »Kann es sein, dass wir hier zufällig ein Date verabredet haben? Mein Name ist Natascha!« Dabei warf sie ihre dunklen langen Haare zurück.
  »Ja!«, sagte er mit etwas belegtem Tonfall, »Ich habe Sie gebucht!«
  »Okay!«, rief sie ihm zu und drückte auf den Schalter ihres Autoschlüssels, um ihren Wagen abzuschließen. Die vorderen und hinteren Scheinwerfer blinkten kurz auf. Sie ging zur anderen Seite des Wagens, öffnete seine Beifahrertür und stieg ein. Trotz des kalten Wetters trug sie einen knapp geschnittenen Mantel. Beim Einsteigen blickte er auf wohl geformte lange Beine. Nachdem sie sich neben ihn gesetzt hatte, sah sie ihn an und fragte verführerisch: »Du magst es gerne im Wald?« Es klang eher nach einer Feststellung als nach einer Frage. Er nickte, ohne verstanden zu haben, was sie sagte. Seine Hände, mit denen er noch das Lenkrad umfasst hielt, wurden feucht und er spürte, wie sein Glied vor Erregung anschwoll.
  Sie lächelte wissend. Selbst in der spärlichen Innenbeleuchtung konnte er erkennen, dass es sich bei ihr um eine aparte Erscheinung handelte. Eine klassische Schönheit mit slawischen Gesichtszügen und langen dunklen Wimpern, die ihre braunen Augen beschatteten. Beim Lächeln bildeten sich um ihren Mund herum Grübchen. Das gefiel ihm. Ihre Lippen schienen die Verheißung pur zu sein. Als sie ihren Mantel öffnete, glitt sein Blick weiter abwärts und blieb auf ihrem Dekolleté haften. Er starrte auf ihre wohlgeformten Brüste, die für seinen Geschmack genau die richtige Größe hatten: nicht zu klein und nicht zu voluminös. Prall und rund füllten sie die Korsage aus. Er spürte, wie sein Puls weiter nach oben stieg, als unter dem geöffneten Mantel ein kurzer Rock zum Vorschein kam, der mehr zeigte als er verbarg. Sie streckte ihre langen atemberaubenden Beine aus, als sie ihn anlächelte und feststellte: »Zunächst einmal, wie abgemacht: Vierhundert.«
  »Ja!« Er nestelte aus seiner Manteltasche einen Umschlag, den er ihr überreichte. Entschlossen griff sie danach, öffnete das Kuvert und blickte hinein, um die Anzahl der Scheine zu kontrollieren. »Stimmt genau!«, sagte sie und lächelte erneut, während sie das Geld in ihre Handtasche schob. Seine Hand tastete nach ihrem Knie und glitt hastig weiter hinauf. »Ich kenne eine bessere Stelle«, flüsterte sie. »Dort werden wir unbeobachtet sein. Lass uns fahren.«
  »Ja!«, brachte er mit heiserer Stimme hervor. Sie lotste ihn in der Dunkelheit durch das ländliche Gebiet und kramte ihren Lippenstift und einen Kosmetikspiegel aus der kleinen Umhängetasche, um sich die Lippen nachzuschminken. Nachdem sie an einem Ortsausgangsschild vorbeigefahren waren, rief sie: »Hier, jetzt rechts hinein!«
  Er hielt den Wagen an und blickte sich unsicher um. »Hier? Bist du sicher? Der Weg sieht so eng aus. Führt der überhaupt weiter?«
  »Ja, sicher. Ich kenne die Gegend!«, antwortete sie mit bestimmtem Tonfall und griff ihm zwischen die Beine. Ihre Hände massierten sein Glied mit zart kreisenden Bewegungen durch den Stoff hindurch. Er stöhnte auf.
  »Aber warum so weit? Wir können doch hier weitermachen!«, schlug er vor.
  »Nein. An dieser Stelle fährt häufig die Polizei Streife. Das ist viel zu unsicher. Fahr durch! Der Weg wird nach hinten breit und führt in den Wald hinein!«
  Na gut, dachte er ungeduldig. Es war zwar etwas ungewöhnlich für solch ein Treffen, denn normalerweise gab er als Kunde den Ton an, aber ihre Bestimmtheit gefiel ihm. Die schöne Unbekannte neben ihm spielte mit ihm und das reizte ihn. Man hatte ihm nicht zu viel versprochen. Langsam fuhr er den schmalen Waldweg entlang, Äste streiften bei der Durchfahrt das Autodach. Im Scheinwerferlicht wirkten sie wie gespensterhafte Arme, die über den Wagen kratzten.
  »Fahr rechts entlang!«, befahl sie, während sie weiterhin aktiv sein Glied bearbeitete. »Hier kannst du halten!«
  Er tat wie ihm befohlen und stellte sowohl den Motor als auch das Licht aus. Erregt tastete er nach ihren Schenkeln. Seine Finger ergriffen den Reißverschluss ihres Rocks, der das kurze Kleidungsstück in der Mitte teilte. Hastig zog er ihn hoch. Mit beiden Händen streichelte er die Innenflächen ihrer Schenkel. seine Finger gelangten ohne Hindernis zu ihrer Vulva. Überrascht und freudig zugleich stellte er fest, dass ihr Venushügel glattrasiert und feucht war. Das erregte ihn noch mehr. Er betätigte den Hebel für den Liegesitz, sie glitt nach hinten.
  Er lag bereits über sie gebeugt, als sie flüsterte: »Komm. Lass mich nach oben.« Mit geschicktem Griff drückte sie ihn zurück auf den Fahrersitz, schließlich suchte sie nach dem Stellhebel seines Sitzes. Er half ihr und gelangte so in eine Halbliegeposition. Sie stieg auf ihn und setzte sich auf seinen Schoß. Mit der rechten Hand knöpfte sie langsam sein Hemd auf und mit der anderen öffnete sie den Reißverschluss seiner Tuchhose. Abermals stöhnte er auf. Sie zog ihm die Hose hinunter, während sie sich an ihm rieb. »Ja«, keuchte er. Kurz dachte er darüber nach, dass es sinnvoll war, auf die Empfehlungen guter Freunde zu hören. Frauen waren wie Wein: Es gab gute und weniger gute, auch sehr viele schlechte waren darunter. Hier hatte er wieder einen Glücksfall, sie schien ganz bei der Sache zu sein, nicht so routiniert, wie viele der anderen, die nur das Geld sahen. Der Spaß kam dabei für ihn zu kurz, wenn er merkte, dass sie es nur darauf abgesehen hatten und keinen Spaß beim Sex hatten. Auf gute Tipps konnte er sich in der Regel immer verlassen.
  Bevor sie sich zu ihm hinunterbeugte, zögerte sie und blickte ihn an. »Tust du mir einen Gefallen? Kannst du das Fenster öffnen? Es ist so stickig hier drin.«
  Fragend blickte er zu ihr hinauf. »Aber es ist doch angenehm hier.«
  »Mir ist aber heiß«, entgegnete sie und öffnete langsam ihre Korsage, einen Haken nach dem anderen. Er tat ihr den Gefallen und beugte sich kurz vor, um das Seitenfenster zu öffnen.
  »Ist nur für einen Moment«, sagte sie, während sie es weiterhin zu genießen schien, dass er mit dem Finger in ihr war.
  Genussvoll und entspannt legte er sich in seine alte Position zurück. Plötzlich ging alles rasend schnell. Blitzartig wurde die Beifahrertür von außen aufgerissen, wodurch das Innenlicht angeschaltet wurde, und jemand packte seinen linken Arm. Er wollte sich aufrichten, was ihm jedoch nicht gelang, weil seine Begleiterin auf ihm saß. Eine schwarze Lederhand umklammerte eisern seinen Arm und riss ihm blitzschnell den Hemdärmel hoch. Abermals versuchte er, sich aus der für ihn äußerst schlechten Position aufzurichten, doch die Frau drückte ihn mit ihrem gesamten Gewicht erneut nach hinten. Er verstand das alles nicht. Der Angreifer hielt seinen Oberarm weiter fest umklammert. Auf einmal spürte er den Stich einer Spritze; eine Nadel drang in seine Armvene. Ein schmerzhaftes Ziehen durchfuhr seinen Arm. Er konnte nicht mehr atmen, rang nach Luft, seine Brust schien sich mit einem Mal zu verengen. Mit letzter Kraft bäumte er sich auf, trotz des Gewichts der Frau über ihm. Vergeblich versuchte er, der unbekannten Gestalt die Spritze zu entreißen.
  Er dachte: Die bringen mich um! Dann wurde es schwarz vor seinen Augen.

****

Den Wagen hatte er in der zugeparkten Innenstadt in einer Seitenstraße abgestellt. Er stieg aus und schloss die Tür, um eiligen Schrittes sein Ziel zu erreichen.
  An der großen Kreuzung achtete er nicht auf das Ampelsignal. Erst, als ein Autofahrer kräftig hupte, bemerkte er, dass er die Fahrbahn bei Rot gewechselt hatte.
  Er ging an dem rot verklinkerten Bau des Museums vorbei und empfand die starke Abgaskonzentration an dieser Hauptverkehrsstraße als sehr unangenehm. Manchmal bekam er das Gefühl, dass durch Abgase erzeugte Feinstaubpartikel die Atemwege verstopften. Als Allergiker litt er in besonders hohem Maße unter dieser Umweltbelastung, und er hatte das Gefühl, dass mit jedem Schritt, den er auf das Gebäude zuging, sich seine Lungen mehr und mehr verengten. Selbst um diese Uhrzeit herrschte noch reger Verkehr, denn samstagabends waren die Straßen rund um das Stadtzentrum mit Nachtschwärmern gefüllt.
  Eine noch stärkere Nervosität machte sich bei ihm breit. Er tastete in den Taschen seines Mantels nach dem Asthmaspray. Erleichtert stellte er schließlich fest, dass er es zuvor doch mitgenommen hatte.
  Je stärker die Nervosität ihn befiel, umso mehr litt er unter Atemnot.
  Seine innere Anspannung wuchs stetig, je näher er der Kirche kam. Bereits von Weitem sah er die typische runde Apsis dieses romanischen Baus.
  Ein scharfer Wind fegte über die Kreuzung. Schnellen Schrittes ging er auf die Kirche zu.
  Beim Vorbeigehen an der Grünanlage blickte er weder nach rechts noch nach links, sondern lief im Eiltempo, mit aufgeschlagenem Mantelkragen, durch die Dunkelheit. Ein plötzlich aufkommender kühler Nordostwind brachte unangenehme Kälte mit. Nach dem heutigen Wetterbericht bahnte sich auch noch ein Unwetter mit einer Schneefront an, aber nicht nur deshalb war er in Eile.
  Beim Vorbeischreiten an einem riesigen Baum vernahm er plötzlich ein Geräusch im Gebüsch, ein Knacken im Geäst.
  Abrupt blieb er stehen und horchte.
  Sekunden wartete er. Stille. Nichts.
  Das Knacken hatte aufgehört, aber gerade, als er weitergehen wollte, war das Geräusch abermals wahrnehmbar.
  Gespannt, alle Sinne geschärft, schob er die Hand in die Manteltasche. Er spürte den Griff der Waffe; umfasste ihn.
  Den Blick starr auf das Gebüsch gerichtet, ging er langsam auf das Geäst zu, jederzeit bereit, die Hand aus dem Mantel zu ziehen, um die Gefahr abzuwehren.
  Plötzlich stand im schummrigen Schein der Laternen eine Gestalt vor ihm.
  Blitzschnell zog er die Waffe und hielt diese gegen den nur wenige Meter vor ihm Stehenden gerichtet. »Stopp!«, rief er der Schattengestalt zu.
  Mit der freien Hand griff er in die andere Manteltasche, in der sich seine Taschenlampe befand, mit deren Lichtstrahl er der Person mitten ins Gesicht leuchtete. Im Schein des Lichtes erkannte er, dass es ein Mann mit bleichem Gesicht und schlaksiger Gestalt war.
  Eine männliche Stimme entgegnete in lang gezogenem Tonfall: »Hey . . . Mann, nicht so nervös! Kann man nicht mal austreten? Willst du ne Nummer? Wird nicht teuer, sozusagen der Nachttarif. Fünfundzwanzig und ich blas dir einen. Für nen Fünfziger geht noch mehr, sozusagen der Nacht- und Spartarif.«
  »Zisch ab!«, entgegnete er.
  »Okay, okay, ich verpiss mich! War ja nur ein Angebot, Mann.« Vorsichtig, dabei immer den Sicherheitsabstand wahrend, schritt der Unbekannte an ihm vorbei und blickte sich dabei mehrmals um, dann suchte er schnellen Schrittes das Weite.
  Zielstrebig verfolgte er weiter seinen Weg, schob den Revolver sowie die Taschenlampe zurück in die Manteltaschen. Zunächst umrundete er das Areal der Kirche, um den gesuchten Eingang zu finden.
  Das Kirchengrundstück war von allen Seiten durch einen hohen Metallzaun abgegrenzt. Er versuchte, das Außentor zu öffnen, fand es aber verschlossen vor.
  Schließlich blieb er vor einem großen rostigen Eisentor stehen. Auch dieses schien verschlossen, er drückte dagegen und war erleichtert, als es nachgab. Er ging weiter an dem leeren Parkplatz vorbei, schritt dann durch das steinerne Tor, das die beiden Kirchen St. Cäcilien und die Pfarrkirche St. Peter miteinander verband. Der hohe Baumbestand warf tiefe Schatten auf den Hof. Das spärliche Licht der Laternen vermochte nicht genügend Sicht auf den Kirchhof zu geben.
  Er nahm seine Taschenlampe, mit deren Lichtstrahl er die Umgebung ableuchtete.
  Verunsichert suchte er nach einem Zugang, drehte sich um die eigene Achse. Sein Blick tastete dabei die Umgebung ab. Schließlich lief er zu den breiten Glastüren des Museumsbereiches. Auch hier waren alle Türen verschlossen.
  Er wandte sich dem, durch eine schwere Stahltür gesicherten, Lieferanteneingang zu. Erleichtert stellte er fest, dass diese Tür geöffnet war.
  Leise verschwand er im Innenbereich des angrenzenden Museums und fand sich in einem Flur wieder. Er ging den langen Gang hindurch in Richtung des Museums.
  Im Flurbereich war die Notbeleuchtung eingeschaltet. Durch das grünlich-schummrige Licht waren die Umrisse der dort befindlichen Gegenstände erkennbar. Er knipste die Taschenlampe wieder aus und schritt weiter auf eine zweigeteilte Glastür zu. Von hier aus gelangte er in den Hauptflügel. In dem dezenten Licht des großen, modern gestalteten Foyers erkannte er die mittelalterlichen Kunstschätze sehr genau. Hier empfand er eine angenehme Wärme. Nach der eisigen Kälte im Freien stellte sich ein körperliches Wohlgefühl bei ihm ein. Erst jetzt spürte er, wie durchgefroren er nach seinem nächtlichen Ausflug war.
  Langsam ging er weiter und blieb vor zwei Türen stehen, die sich nicht öffnen ließen. Er entschloss sich, die Richtung zu wechseln und lief vorbei an den Bleiverglasungen und Ausstellungsstücken des Mittelalters. Dann blieb er stehen, schob den Ärmel seines Mantels zurück und sah auf das Zifferblatt seiner Uhr. Er stellte fest, dass es 0:45 Uhr war.
  Er war zu früh. Nicht wesentlich, aber um eine Viertelstunde.
  Vielleicht von Vorteil – für ihn. Besser zu früh als zu spät. So konnten zuvor noch einige wesentliche Informationen ausgetauscht werden.
  Nachdenklich blieb er stehen. Von seinem Informanten hatte er keine genaueren Angaben zum Treffpunkt erhalten und war aufgrund der Kurzfristigkeit des Termins ziemlich überstürzt hierher gefahren. Ahnungslos über die Größe des Gebäudes irrte er nun umher und ärgerte sich über seinen unvorbereiteten Aufbruch. Unschlüssig wartete er.
  Plötzlich durchdrang ein lautes Klingeln die Stille. Er schrak zusammen, begriff dann jedoch, dass es nichts anderes als das Signal seines Handys war. Nervös tastete er danach, etwas fiel dabei heraus und rollte unter eine Vitrine. Darauf achtete er jedoch nicht, sondern ergriff geradezu erleichtert das Handy aus der Innentasche seines Mantels. Er drückte den Freischaltknopf: »Ja?«, fragte er mit belegter Stimme. Zunächst war am anderen Ende kein Ton vernehmbar. Gerade als er auflegen wollte, machte sich der Anrufer bemerkbar. »Hallo. Gehen Sie den Korridor entlang zur Kirche. Sie haben einen Zettel erhalten. Geben Sie das Zeichen an der Tür.«
  Er wollte noch etwas erwidern, bemerkte dann jedoch, dass die Verbindung bereits unterbrochen war. Nachdenklich schob er sein Handy zurück in die Tasche und ging, wie ihm geheißen, den Flur entlang. Die Tatsache, dass jemand sein Eintreten beobachtet hatte und somit seinen derzeitigen Standpunkt kannte, beunruhigte ihn. Einen Augenblick zögerte er und überlegte, ob es nicht besser sei, einen Rückzieher zu machen.
  Schließlich entschloss er sich, die Sache durchzuziehen und weiterzugehen. Abermals stand er vor einer verschlossenen Tür in dem Vorraum, der Museum und Kathedrale miteinander verband.
  Vorsichtig nach hinten sich umblickend, nestelte er den Zettel heraus, las die Notiz ab und klopfte den Angaben gemäß im Takt an der dunklen Stahltür. Er wartete und horchte. Als nichts geschah, sagte er die Worte. Und verharrte erneut. Nichts.
  Abermals gab er das Zeichen, wartete jedoch vergeblich auf Resonanz.
  Entschlossen, nicht mehr länger auszuharren und zum Gehen bereit, drehte er sich herum. In diesem Augenblick setzte sich die Tür mit einem leisen Summen nach oben in Bewegung. Wie von Geisterhand, so schien es, verschwand sie hinauf.
  Vorsichtig blickte er sich um, leise schlich er einen Schritt hinein, blieb jedoch noch in der geöffneten Tür stehen. In der spärlichen Beleuchtung des Notlichtes lagen in großen Vitrinen antike Priestergewänder. Langsam schritt er weiter, vorbei an den großen christlichen Statuen, die auf Säulen im gesamten Innenbereich der Kathedrale ausgestellt waren.
  In diesem Moment dachte er, ein Geräusch aus dem hinteren Bereich zu vernehmen, erschrak und blieb an der Balustrade stehen. Eine Tür schlug hinter ihm, im Bereich des zuvor passierten Flures, mit lautem Knall zu. Das Echo hallte durch das gesamte Areal. Wie angewurzelt verharrte er.
  Plötzlich erlosch die Notbeleuchtung. Er war von totaler Dunkelheit umgeben und ein Frösteln überfiel ihn. Gespannt horchte er. Kein Laut.
  Erneut nahm er die Taschenlampe, deren dünner, weißer Lichtstrahl ihm nun den Weg durch das Gemäuer zeigte. Seine Schritte hallten durch das Gewölbe, er hielt sich zunächst seitwärts und wäre in seiner Nervosität beinahe gegen eine Holzskulptur gelaufen. Fast hatte er den im Dunklen liegenden Altarbereich erreicht. Langsam trat er näher.
  Plötzlich fiel das Licht seiner Taschenlampe aus, die Batterien waren leer. Er fluchte und war erneut von absoluter Dunkelheit umgeben. Panik machte sich in ihm breit. Er trat ein paar Schritte zurück, wandte sich zum Gehen herum, machte ein paar Schritte und stieß mit dem Schienbein gegen eine große Skulptur. Durch seinen Körper lief ein Schauer, als diese mit Gepolter umfiel und einen lauten Widerhall erzeugte. Kurz verharrte er, um nachzudenken.
  Es blieb ihm nichts anderes übrig, als in der Dunkelheit nach einem anderen für ihn kürzeren Ausgang zu suchen. Vielleicht befand sich in der Nähe des Altars ein Ausgang, der ins Freie führte.
  Vorsichtig ging er Schritt für Schritt im Mittelgang nach vorn.
  Er schrak zusammen, als sein Gesicht von einem Gegenstand aus der Luft gestreift wurde. Etwas Feuchtes breitete sich auf seiner Haut aus.
  Mit den Fingern tastete er sein Gesicht ab; er verspürte etwas Klebriges zwischen den Fingerkuppen. Er schrak plötzlich zusammen und wich automatisch einen Schritt zurück.
  Sein ganzer Körper war in Alarmbereitschaft, der Puls raste und seinen Körper durchfuhr ein weiterer Schauer. Trotz der Kälte rann ihm der Schweiß den Rücken hinunter und Schweißperlen bildeten sich auf seiner Stirn. Was zum Teufel war das?
  Immer noch kein Laut, alles ruhig. »Ganz ruhig«, sagte er laut zu sich selbst.
  Plötzlich erhellte sich die Umgebung mit flackerndem Licht. Er blickte direkt in den vom Hals bis zum Bauch aufgeschnittenen Körper eines von der Decke hängenden, toten Tieres. Die Gedärme hingen heraus, das Blut tropfte aus dem Körper und bildete eine große Lache auf dem Fußboden, in der er stand. Der Kopf baumelte einer Marionette gleich vor seinen Augen sachte hin und her.
  Tote blaue Augen starrten ihn an. Erst im zweiten Augenblick realisierte sein Gehirn, um welches Tier es sich hierbei handelte: Sultan, sein zweijähriger Siamkater, blickte ihn stumm an. Seit zwei Tagen vermisste er ihn. Die ganze Gegend hatte er zuvor nach ihm durchkämmt, nachdem der Kater abends nicht heimgekommen war. Alle Suche blieb jedoch erfolglos.
  Nun wurde ihm bewusst, dass die Feuchtigkeit, die er auf seinem Gesicht verspürte, das Blut seines toten Tieres war. Schockiert stand er da wie angewurzelt, zu keiner Reaktion fähig.
  Voller Abscheu begann er, sich hastig mit dem Mantelärmel das Blut abzureiben. Gleichzeitig durchfuhr blankes Entsetzen seinen Körper.
  Plötzlich stieg in ihm die Erkenntnis auf, hier in eine Falle geraten zu sein.
  Das Verschwinden seines Katers war kein Zufall. Der Anruf des Informanten hierherzukommen: Eine Falle. Ihm wurde plötzlich klar, warum im Museum das gesamte Sicherheitssystem nicht funktionierte. Eigentlich hätte bei seinem Eintritt in das Gebäude der Alarmmechanismus ausgelöst werden müssen. Offenbar war die Anlage zuvor absichtlich ausgeschaltet worden.
  Es verwunderte ihn, dass er darauf nicht gleich gekommen war. Während er versuchte, die Geschehnisse zu verstehen, erglimmte plötzlich aus allen Ecken des Raumes Fackellicht. Langsam näherte sich das Feuer und tanzte vor seinen Augen.
  In dunkle Kutten gehüllte Gestalten hielten eine lodernde Feuerfackel hoch über ihren mit Kapuzen verdeckten Köpfen.
  Einem Fluchtinstinkt folgend, drehte er sich blitzschnell um. In diesem Augenblick verspürte er einen scharf stechenden Schmerz im Bein. Humpelnd unternahm er den Versuch, den Ausgang zu erreichen.
  Nach zwei Schritten geriet sein Körper jedoch ins Taumeln, er stürzte mit den Kniescheiben vornüber auf die Fliesen.
  Seine Gliedmaßen schienen ihm nicht mehr zu gehorchen und der Körper versagte ihm auf unerklärliche Weise den Dienst.
  Er stürzte puppenähnlich frontal mit dem Gesicht zu Boden. Sein Kinn zersplitterte, ein starker Schmerz durchzog seinen gesamten Körper. Eine ungeheure Druckwelle machte sich in seinem Kopf breit, als er mit der Stirn ungebremst auf dem Steinboden aufkam.
  Mit letzter Kraft drehte er den Kopf ein wenig zur Seite. In seiner bereits sehr eingeschränkten Wahrnehmung bemerkte er, dass sich nun die dunkel verhüllten Gestalten um ihn herum positionierten. Sein Gesicht war beleuchtet vom unruhigen Schein der Fackeln. Vergeblich war sein Bemühen, den Kopf zu heben, um mehr von dem Geschehen zu erkennen. Wie gelähmt lag er auf dem steinernen Boden.
  Seine Gliedmaßen gehorchten ihm einfach nicht mehr. Kopf, Arme und Beine schienen nicht mehr Teile seines Körpers zu sein. Nun begannen auch seine Augen, an Wahrnehmung einzubüßen, das machte ihm besonders Angst. Die Umgebung, die er nur vom Boden aus sah, nahm er nur noch verschwommen wahr.
  Er blickte erneut auf ein Paar schwarze, glänzende Schuhe. Daneben hörte er noch mehr Schuhe hinzutreten. Langsam begannen sie, zu geheimnisvollen Klängen zu tanzen: Nach einer ihm unbekannten Musik, immerzu im Takt. Sie vollführten ihren Tanz um ihn herum.
  Er vernahm einen eigenartig anschwellenden Gesang, ähnlich dem eines Chorals. Dieser Ton schwoll in seinen Ohren zu einem schier unerträglichen Lärm an.
  Von einem unglaublichen Schmerz übermannt, wollte er sich immer wieder mit den Händen die Ohren zuhalten. So sehr er sich auch bemühte, sie gehorchten nicht den Befehlen seines Kopfes. Unglaublich laute Klangwellen durchdrangen jede wurmartige Windung seines Gehirns. Die Gestalten schienen nun über seinem Körper zu schweben.
  Zwischendurch vernahm er ein Flüstern und Raunen. Ihm fehlte jegliches Gefühl der Zeiteinschätzung. Stunden schienen vergangen zu sein, da spürte er, wie sich die Schlinge eines Seils um seine Füße zog. Ruckartig zog man das Seil an, sodass seine Knöchel schmerzten. Dann zerrte man ihn, einem Stück Vieh gleich, über den Boden.
  Langsam glitt der wehrlose Körper über den kalten, steinernen Untergrund, um dann, mit einem starken Ruck, nach oben gezogen zu werden. Sein Körper baumelte kopfüber von der Decke hinab, kraftlos wie eine Marionette. Er blickte auf die hellen Steinfliesen. Übelkeit machte sich in ihm breit, das Blut schoss ihm in den Kopf. Er spürte, wie sein Blut zu Boden tropfte. Ein Tropfen nach dem anderen. Es würde sich bald eine kleine, rote Lache bilden. Schnell hatte er das Gefühl, dass sein Schädel zerplatzte, so als würde ihm eine zentnerschwere Betonplatte auf die Schädeldecke gedrückt. Der Versuch, etwas zu sagen, misslang kläglich; seine Zunge gehorchte nicht mehr oder seine Stimmbänder versagten den Dienst. Plötzlich war das Spektakel der tanzenden Schuhe zu Ende. Stattdessen umringten sie ihn in ihren dunklen Kutten und begannen, in einer Art Reigen, langsam um ihn herumzuziehen, ähnlich einem Totentanz.
  Wie viele es wohl sein mochten, er wusste es nicht. Es schien ihm, als würden immer mehr hinzustoßen, um immer schneller ihren Reigen zu vollziehen. Bald sah er nicht mehr den schwarzen Stoff ihrer einzelnen Gewänder, sondern nur noch Schwärze, die kreisend um ihn herumglitt, bis er selbst zu einer Einheit mit ihr wurde.
  Magisch von der Tiefe angezogen, entglitt ihm sein Leben.

2. Kapitel

Peter Knirpske radelte wie jeden Morgen mit seinem Fahrrad über den Radweg zu seiner Arbeitsstelle. Dabei war es ihm gleichgültig, ob es Frühjahr, Sommer oder Winter war. Auch bei den derzeitigen winterlichen Verkehrsverhältnissen fuhr er mit seinem Rad und mied den öffentlichen Nahverkehr. Er hatte zwar einen Führerschein, besaß allerdings angesichts der angespannten Parksituation in der Stadt kein eigenes Auto. Er musste sich sehr in Acht nehmen, dass er auf dem Schneematsch mit den zwei dünnen Rädern nicht ins Rutschen geriet. Der erste Schnee hielt sehr früh Einzug in diesem Jahr, und obwohl es noch sehr früh am Morgen und noch dunkel war, herrschte in Richtung Innenstadt eine angespannte Verkehrslage. Stoßstange an Stoßstange schoben sich die Pkws vor der Ampel weiter. Jeden Morgen aufs Neue musste er feststellen, welchen Vorteil er hatte, in der Nähe seiner Arbeitsstelle zu wohnen und nicht Autoinsasse inmitten dieser Blechlawine zu sein. Locker ließ es sich, trotz des Schneematsches, über die Rad- und Fußwege fahren. Ganz entspannt an den Fahrzeugen vorbeiradeln, manchmal auch in Gegenrichtung durch die Einbahnstraßen, um den kürzesten Weg zu nehmen.
  Pfeifend stellte er sein Rad vor dem Nebeneingang des Gebäudes ab, um es an einem Radständer mit der Fahrradsicherung abzuschließen.
  Als er die Nebentür mit dem Schlüssel öffnen wollte, wunderte es ihn, dass er die Tür unverschlossen vorfand. Vielleicht hatte der Nachtwächter dies bei seinem Fortgehen vergessen, das war schon einmal vorgekommen. Der alte Alfons Wimmer war schließlich dafür bekannt, dass er nicht ohne entsprechenden Alkoholpegel in die Gänge kam, und das sprach nicht gerade für seine Gewissenhaftigkeit. Der zweiundsechzigjährige, ehemalige Lokführer verlor genau deshalb seine Anstellung bei der Bundesbahn.
  Kopfschüttelnd ging Knirpske schnellen Schrittes weiter Richtung Museum. So etwas durfte einfach nicht passieren. Unmöglich, er würde nachher Meldung machen, so ging das jedenfalls nicht!
  Auch die erste Flurtür fand er unverschlossen vor. Nun geriet er richtig in Rage. Das konnte doch nicht wahr sein, dieser Wimmer versoff noch seinen Verstand! So konnte es nicht weitergehen, so jedenfalls nicht.
  Erst in den vergangenen Tagen hatte der wohl versehentlich diverse Sicherungen ausgeschaltet, am Sicherungskasten in der oberen Etage. Keiner wusste, warum er das getan hatte. Die Folge wäre verheerend gewesen, wenn nicht er, Knirpske, zufällig entdeckt hätte, dass in einem Teilbereich des Museums das Sicherheitssystem ausgeschaltet war. Hier befanden sich viele wertvolle, antike Kunstgegenstände aus dem Mittelalter. Wut stieg in ihm hoch, denn die Vorfälle der letzten Zeit zeigten doch, dass Alfons Wimmer als Nachtwächter untragbar war. Erstaunlicherweise hatte er einen Stein im Brett beim Chef, woanders wäre er schon längst rausgeflogen. Aber dass hier nun Tag der offenen Tür war, das war ungeheuerlich und unverzeihbar. Dies brachte das Fass zum Überlaufen, das würde er dem Chef gleich persönlich mitteilen und endlich Konsequenzen einfordern.
  Wütend stapfte er weiter durch den Gang, blieb dann aber stehen. Im Flurbereich war das Licht ausgeschaltet. Das wunderte ihn, denn normalerweise hätte die Zeitschaltuhr das Anstellen des Lichtes bereits in Gang setzen müssen. Wahrscheinlich hatte es einen Stromausfall gegeben. Er sah auf die Uhr: halb sieben. Seltsam. Eiligen Schrittes durchquerte er den anderen Flurbereich. Dort lief er durch sämtliche Ausstellungsräume, konnte hier jedoch nichts Verdächtiges feststellen.
  Entschlossen machte er auf dem Absatz kehrt, um durch den Zwischenkorridor in den Zugangsbereich der Kirche und des anderen Museumstraktes zu gelangen. Auch hier war die Eingangstür geöffnet.
  Bereits beim Durchqueren des Türbereiches durchfuhr ihn diese Vorahnung. Irgendetwas stimmte hier nicht. Dabei konnte er nicht genau den Grund für dieses flaue Gefühl bestimmen.
  Ganz langsam schritt er durch den Eingangsbereich an den Ausstellungsstücken vorbei, in das Kirchenschiff hinein. Zunächst sah er nichts Außergewöhnliches, alles schien wie immer. Seine Schritte hallten laut durch die Kirche, deren Innenraum im Dämmerlicht lag.
  Als er eine der Seitentreppen nahm, um auf den Altar zuzusteuern, glaubte er, seinen Augen nicht trauen zu können, und blieb wie angewurzelt auf dem Absatz stehen – es war ein Anblick, der ihm den Atem nahm.
  Zwei tote Körper, ein kleiner und ein großer, baumelten an den Füßen hängend, mit der Vorderseite zum Altar gerichtet, vom Querbalken hinunter. Darunter hatten sich eine kleine und eine große Blutlache gebildet, die die Steinfliesen, dunkelrot färbten.
  Beim Näherkommen sah er, dass es sich bei dem größeren Körper um den Leib eines Mannes handelte. Die nackten Füße hingen in einer Schlinge, der Stoff der Jeans war ein wenig hinuntergerutscht, sodass behaarte Männerbeine sichtbar waren.
  Dicht daneben, nur wenige Meter entfernt, hing ein toter Tierkörper. Aus dem aufgeschlitzten Leib hing die Gedärmmasse heraus, auf der sich bereits eine Fliege niedergelassen hatte.
  Ein mächtiger Würgereiz machte sich bei Knirpske breit, vor einer der Säulen übergab er sich. Anschließend machte er auf der Türschwelle kehrt, um dann wie ein Besessener nach oben in das Büro zu laufen und die Polizei zu verständigen. Danach rief er seinen Chef an und berichtete ihm, mit atemloser Stimme, von den Geschehnissen.

Ende der Vorschau